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Kinderarmut und Demokratie(erfahrung)

Impulse für die Praxis • 15.10.2026
Zwei Spielfiguren auf einem Spielfeld im Vordergrund. Im Hintergrund sieht man Menschen im Kreis sitzen.
© Lena Thieme

Ob ein Kind Demokratie erlebt, entscheidet sich nicht im Gemeinschaftskundeunterricht. Es entscheidet sich im Alltag: Kann ich mitbestimmen, was wir heute machen? Gehöre ich dazu, oder stehe ich daneben? Traue ich mir zu, meine Meinung zu sagen und hört mir jemand zu?

Demokratie beginnt mit der Erfahrung und auch dem Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein und sie mit den eignen Fähigkeiten und Ideen mitgestalten zu können. Sie lebt auch davon, dass der Einzelne an seine eigene Selbstwirksamkeit glaubt und diese unmittelbar erfahren kann. Doch genau diese Erfahrungen bleiben Kindern, die in Armut aufwachsen, oft verwehrt.

Kinder, die von Armut bedroht oder betroffen sind, machen jedoch andere Erfahrungen. Sie erfahren in ihrem Alltag auf vielfältige Weise die (finanziellen) Beschränkungen ihrer Möglichkeiten, machen Erfahrungen des Ausgeschlossenseins und nicht Dazugehörens bis hin zur Erfahrung eines fremdbestimmten Lebens. 

Laut UNICEF stagniert die Kinderarmutsquote in Deutschland seit Jahren stabil bei 15 Prozent, wobei die Einkommensschere zwischen Arm und Reich immer weiterwächst. Um den Zusammenhang von Kinderarmut und Demokratie(erfahrung) zu erfassen, muss man sich in die Alltagserfahrungen betroffener Kinder hineinversetzen. 

Kinderarmut hat zunächst mit materiellen Beschränkungen zu tun – es ist schlicht wenig oder kein Geld da für neue Kleidung, für kostenpflichtige Freizeitaktivitäten (z.B. fürs Stadtfest oder Kino) oder für die Ausrichtung oder den Besuch eines Kindergeburtstags. Die finanziellen Einschränkungen können demnach auch weniger soziale Kontakte mit sich bringen, weniger Möglichkeiten, Freundschaften zu pflegen. 

Gerade in ländlichen Regionen spielt auch die individuelle Mobilität eine große Rolle. Steht kein „Elterntaxi“ zur Verfügung, ist der Schulbus die einzige Transportmöglichkeit nachhause. Die Freund:innen spielen am Nachmittag Fußball im Verein, nur 10 km entfernt, und doch unerreichbar. 

Hinzu kommt der Zusammenhang von finanziellen Beschränkungen und Bildungsmöglichkeiten. So setzt z.B. der Besuch von Theater, Konzert oder Museum, von Musik- oder Malschule entsprechende finanzielle Mittel voraus. Hinzu kommen mögliche habituelle Barrieren oder Scham - das Gefühl, selbst wenn man die finanziellen Möglichkeiten vielleicht hat, nicht an diese Orte zu gehören. 

Neben den finanziellen Einschränkungen ist das Leben von armutsbetroffenen Familien auch von Entscheidungen anderer geprägt, insbesondere dann, wenn sie staatliche Transferleistungen beziehen. Wer Grundsicherung (ehem. Bürgergeld) oder Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz bezieht, sieht sich mit einer Fülle bürokratischer Anforderungen, Fristen und Terminen konfrontiert. In der wird das häufig mit „Fördern und Fordern“ beschrieben. Die Betroffenen können es als Einschränkung ihrer Lebensentscheidungen und Fremdbestimmung erfahren, z.B. wenn sie eine Fülle von Formularen und Nachweisen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket erbringen müssen, wenn die Geldkarten für Geflüchtete keinen Einkauf auf dem Markt zulassen oder das Bargeld nicht für den Beitrag zur Klassenkasse reicht. 

Die genannten Beispiele zeigen, dass Kinder, die in armutsbetroffenen Familien aufwachsen, von einem Gefühl des „Andersseins“, des Ungenügens und der Fremdbestimmung begleitet werden können. Und diese Eindrücke stehen demokratischen Erfahrungen diametral entgegen. 

Umso wichtiger ist es, dass schulische und außerschulische Angebote Demokratie für Kinder konkret erfahrbar machen und ihnen demnach Möglichkeiten aufzeigen, die sie in ihrem sonstigen Alltag häufig nicht finden. Diese Angebote müssen armutssensibel sein, d.h. ohne offensichtlich oder versteckte Kosten, die Zugänge zu den Kindern müssen aktiv gesucht werden, und schließlich sollten die Verantwortlichen sich ehrlich fragen, ob Kinder wirklich mitbestimmen oder nur mitmachen dürfen. Auf dieser Basis können Angebote den Zugang zu Gemeinschaft, das Mitgestalten und die Selbstwirksamkeit der Teilnehmenden fördern. 

Unter den Bedingungen von permanenten Kürzungen sowohl in der allgemeinen Kinder- und Jugendarbeit als auch in der Förderung von Demokratieprojekten werden solche Angebote immer wertvoller. 

Tipp der Redaktion

Hier https://www.reflexionstool-demokratiebildung.de/aktuelles/armut-hat-ein-spezifisches-kinder-und-jugendgesicht-im-gespraech-ueber-kinderarmut-undfindest du ergänzend das Interview "Armut hat ein spezifisches Kinder- und Jugendgesicht" mit Anita Meyer, Bildungswissenschaftlerin und Sozialpädagogin. 

Autorin Judith Strohm

Judith Strohm ist DKJS-Expertin für Diversität und Vielfalt. Der Beitrag entstand mit Impulsen der DKJS-internen AG zu Kinderarmut.

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