"Armut hat ein spezifisches Kinder- und Jugendgesicht": Im Gespräch über Kinderarmut und Teilhabe mit Bildungswissenschaftlerin Anita Meyer
Jedes fünfte Kind in Deutschland wächst in einer Armutslage auf. Wie wirkt sich Armut auf das Leben und die Teilhabe von Kindern und Jugendlichen aus? Wie können wir als Erwachsene und als pädagogische Fachkräfte unsere armutssensible Haltung stärken? Darüber sprechen wir mit Anita Meyer. Anita Meyer ist Bildungswissenschaftlerin und Sozialpädagogin und arbeitet mit pädagogischen Fachkräften und Kommunen zu armutssensiblem Handeln.
DKJS: Anita, was ist eigentlich Armut? Und wie wirken sich Armutserfahrungen auf Aufwachsen, gesellschaftliche Teilhabe und Bildungschancen aus?
Anita Meyer: Armut bedeutet in erster Linie Einkommensarmut. Sie führt zur Unterversorgung und zu sozialer Ausgrenzung. In Deutschland betrachten wir Armut mit dem Blick auf relative Armut. Das bedeutet: im Fokus steht eine „gewöhnliche“ Kindheit und Jugend in Deutschland. Die gute Nachricht ist, dass es der überwiegenden Mehrheit der Kinder und Jugendlichen in unserem Land sehr gut geht. Die Allermeisten wachsen in finanziellem Wohlergehen auf. Sie sind also angemessen und ausreichend versorgt. Jedes fünfte Kind und circa jeder vierte Jugendliche wächst jedoch unter schwierigen finanziellen Bedingungen auf.
Das Aufwachsen in Armut begrenzt, beschämt und bestimmt das Leben von Kindern und Jugendlichen – heute und mit Blick auf ihre Zukunft.
Armut hat ein spezifisches Kinder- und Jugendgesicht. Das Aufwachsen in Armut begrenzt, beschämt und bestimmt das Leben von Kindern und Jugendlichen – heute und mit Blick auf ihre Zukunft. Für alles im Alltag wird Geld benötigt. Damit sind sie von vielen Dingen ausgeschlossen. Der Alltag ist geprägt durch Verzicht und Sparen. Kinder und Jugendliche versuchen dies zu bewältigen, indem sie bspw. Ausreden erfinden oder so tun, als ob sie solche Unternehmungen gar nicht erleben wollen würden. Und immer wieder müssen Kinder sich erklären und erleben, wie ihre Eltern nachweisen müssen, dass sie auch wirklich bedürftig sind, um vorhandene Fördermittel in Anspruch nehmen zu können.
Während bei Kindern noch die Unschuldsvermutung gilt („Kinder können ja nichts für ihre Eltern.“), erleben Jugendliche sehr früh, dass ihnen unterstellt wird, sie seien eigenverantwortlich für den Weg aus der Armut.
Die Dimensionen von Armut
Einkommensarmut bedeutet einen Mangel an Handlungsspielräumen, Gestaltungsspielräumen, Machtressourcen und Entwicklungsmöglichkeiten für Potenziale und Ressourcen. Einkommensarmut ist eine Lebenslage, die sich in vier Dimensionen zeigen kann: in materieller, sozialer, gesundheitlicher und/oder kultureller Hinsicht. Armut kann sich in diesen Dimensionen zeigen, muss sie jedoch nicht zwangsweise.
Die materielle Dimension beinhaltet die Ausstattung bzgl. Wohnen, Kleiden, Nahrung und den finanziellen Möglichkeiten der Teilhabe bzw. des Zugangs zu Kulturgütern. Die soziale Dimension richtet den Blick auf Zugehörigkeit, Netzwerke, Freundschaften und auch das Verhalten in Gruppen. Mögliche Auswirkungen in der gesundheitlichen Dimension sind psychische und/oder physische Erkrankungen, wie sie bspw. in den KiGGs-Studien zu Kindergesundheit und Jugendgesundheithttps://www.rki.de/DE/Themen/Nichtuebertragbare-Krankheiten/Studien-und-Surveillance/Studien/KiGGS/kiggs_start_inhalt.html erhoben werden. In der kulturellen Dimension werden die Bildungschancen und die Teilhabemöglichkeiten am kulturellen Leben beleuchtet.
DKJS: Wie kann ich in meiner Arbeit gut mit dem Thema Armut umgehen? Was macht eine armutssensible Haltung aus?
Anita Meyer: Armutssensibel Handeln meint, die Situation von armutsbetroffenen Kindern und Jugendlichen - und erweitert auch ihrer Familien - feinfühlig und achtsam wahrzunehmen und zu reflektieren. Auch wenn man nicht direkt mit den Familien arbeitet, Kinder und Jugendliche sind ohne sie nicht zu denken. Die Familie ist der Lebensort, an dem sie aufwachsen.
Es braucht für ein gelingendes armutssensibles Handeln eine Kontext-Kompetenz, d.h., Kontextwissen zu Armut und deren mögliche Auswirkungen auf das Leben von Kindern und Jugendlichen sowie die Fähigkeit, dieses Wissen für Kinder und Jugendliche auf die Praxis zu übertragen. Außerdem ist eine kognitive Empathie als Teil einer professionellen Haltung wichtig. Das meint, die eigenen Bilder, Ideen, Normen und Vorstellungen im Hinblick auf Armut zu reflektieren und zu verändern. Wir alle haben „Schubladen im Kopf“, unsere Urteile und Vorurteile prägen uns und unser professionelles Handeln. Dessen muss man sich bewusst sein. Vorurteilsfrei geht nicht, vorurteilsbewusst Handeln sehr wohl.
Der wichtigste Aspekt in diesem Zusammenhang ist: „Alles Handeln macht Sinn!“ Es gibt immer einen guten Grund, warum Menschen handeln, wie sie handeln.
Welche Bilder leiten mein Denken und Handeln vom Kind oder Jugendlichen?
- Von „guter“ Elternschaft, von gelingender Bildung und Erziehung, von „guter“ Schule und Freizeit, von Gesundheit, vom „sinnvollen“ Umgang mit Finanzen?
- Wie stehe ich zu „Besitz“ von Statusgütern?
- Wie sieht es mit meinen Bildern zu Armut aus?
DKJS: Wie kann ich meine armutssensible Haltung als pädagogische Fachkraft stärken?
Anita Meyer: Es ist wichtig zu verstehen, welche bedeutsame Rolle jede Fachkraft einnimmt – in positiver sowie negativer Hinsicht. Für die Stärkung der Resilienz bildet jede Person einen wichtigen Schutzfaktor. Du bist im wahrsten Sinne des Wortes die „Türsteher:in“! Durch dein Handeln oder Nicht-Handeln entscheidest du, wer „reindarf“, wer dazugehört, mitmachen kann und wer nicht. Außerdem ist wichtig, Handlungsfähigkeit zu stärken. Das meint: Autonomie unterstützen, als Anwält:in agieren, Hilfe zur Selbsthilfe in den Fokus rücken. Darauf achten, dass auch wirklich jede Person Teil sein kann, teilhaben darf und teilgeben kann.
DKJS: Wie kann ich Bildungsangebote so gestalten, dass alle Kinder unabhängig vom Geldbeutel der Eltern teilhaben können?
Anita Meyer: Eines der tiefsten Bedürfnisse aller Menschen ist es, zugehörig zu sein, dazuzugehören. In unserer Gesellschaft ist das in den meisten Fällen mit finanziellen Kosten verknüpft. Eine zentrale Folge für Kinder und Jugendliche aus Familien mit schmalem Geldbeutel ist von vielem ausgeschlossen zu sein, was für eine Kindheit in Deutschland üblich ist. Für armutssensibles Handeln geht es also im Kern stets darum, wie und was Institutionen dazu beitragen können, damit – alle – Kinder und Jugendlichen teilhaben können. Dafür braucht es, dass jedes einzelne Angebot reflektiert wird, ob tatsächlich alle teilhaben können. Wir agieren häufig angebotsorientiert, haben eine vermeintlich gute Idee und wundern uns dann, dass diese nicht angenommen wird. Doch sind die Kinder und Jugendlichen an der Planung und Gestaltung von Angeboten überhaupt beteiligt? Wir sollten ihre Bedürfnisse erfragen.
Schlussendlich geht es beim armutssensiblen Handeln stets um Chancengerechtigkeit. Chancengerechtigkeit ist ein zentraler Beitrag zur Stärkung der Demokratie. Handlungsleitend ist das Streben nach sozialem Ausgleich.
Reflexionsfragen
- Wie ist es um die (finanziellen) Zugänge bestellt? Wie werden Beiträge erhoben? Können wir Sponsoren finden?
- Sind Anträge notwendig? Wie können wir Antragstellungen vermeiden?
- Welche beschämenden Situationen entstehen bei uns und wie lassen sich diese beseitigen?
- Haben wir Tauschregale? Kleidertauschparties? Ist Nachhaltigkeit ein wichtiger Wert in unserer Arbeit oder muss alles „neu“ angeschafft werden?
DKJS: Vielen Dank für das Gespräch!
Beim Digitalcafé „Wer bleibt außen vor? Kinderarmut und “ am 11. November 2025 gab Anita Meyer einen Impuls zum Thema. Auf der TaskCardhttps://dkjs.taskcards.app/#/board/3c2fab5f-5950-47b0-bebe-d44ff4764973?token=69cedc77-7685-4ffe-a51c-cd057ff0cca5 zur Veranstaltung findest du viele weiterführende Materialien, Methodenhinweise und vertiefende Lektüre.
