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„Geschlechterrollen wirken wie unsichtbare Drehbücher“ - Im Gespräch zu Gleichberechtigung und Geschlechterbildern mit Micke Thekla Guckelsberger

Interviews & Perspektiven • 21.09.2026
Micke Guckelsberger
© Lou

Micke Thekla Guckelsberger ist Kindheitspädagog:in und arbeitet als freie Referent:in mit der Vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung© für das Institut KINDERWELTEN für diskriminierungskritische Bildung e.V.

DKJS: Inwiefern beeinflussen Geschlechterrollen die Möglichkeiten von Kindern, sich einzubringen, mitzubestimmen und Zugehörigkeit zu erleben?

Micke Thekla Guckelsberger: Geschlechterrollen wirken wie unsichtbare Drehbücher, die festlegen, wem im Alltag Mut zugeschrieben wird, wer schön sein soll, wer sich um andere kümmert, wer laut sein darf und wer vermutlich gut mit Technik kann. Farben, Kleidung, Spiele – für alles haben wir Vorstellungen, was sie mit Geschlecht zu tun haben. Kinder, deren Ausdruck und Wesen nicht in diese Drehbücher passen, müssen sich immer wieder rechtfertigen und erleben Ausschlüsse. Wenn wir diese Muster bewusst irritieren, öffnen wir Räume, in denen jedes Kind seine Interessen zeigen kann, ohne sich rechtfertigen zu müssen. So entsteht Zugehörigkeit nicht durch Anpassung, sondern durch Anerkennung der Vielfalt.

DKJS: Wie können pädagogische Fachkräfte geschlechtliche Vielfalt altersgerecht aufgreifen und dabei Kinder für Respekt, Gleichwertigkeit und Vielfalt sensibilisieren? Welche Grundsätze helfen dabei?

Micke Thekla Guckelsberger: Ein guter Einstieg zum Thematisieren von Unterschieden ist das Feststellen von Gemeinsamkeiten: Alle Kinder haben eine Frisur. Manche Kinder haben keine, manche kurze, manche lange, manche lockige und manche glatte Haare. Alle haben eine Frisur. Von dieser Gemeinsamkeit aus können wir fragen: Bestimmt unser Geschlecht, wie unsere Haare sein müssen? Dürfen wir selbst entscheiden, wie wir unsere Haare tragen wollen? Ist es okay, anderen vorzuschreiben, wie sie ihre Haare tragen sollen? Es ist wichtig, Sprache zu benutzen, die niemanden ausschließt und Kinder mit Fragen neugierig zu machen, statt zu beschämen. Wir müssen die Erfahrungen von Kindern ernstnehmen und Ungerechtigkeiten benennen. Kinder sollen erleben, dass Vielfalt nicht nur erlaubt ist, sondern geschützt wird.

DKJS: Wie können pädagogische Räume gestaltet werden, damit alle Kinder unabhängig von Geschlecht, Identität oder Ausdrucksweise Selbstbestimmung, Anerkennung und Mitwirkung erfahren?

Micke Thekla Guckelsberger: Pädagogische Räume müssen so gestaltet sein, dass Kinder nicht ständig zwischen zwei Geschlechteroptionen wählen müssen oder gar noch zugeteilt werden. Echte Selbstbestimmung kann nur entstehen, wenn die Strukturen niemanden ausschließen. Repräsentation in Materialien ist wichtig, reicht aber nicht aus. Damit Anerkennung wirklich gelebt wird, müssen sowohl alltägliche Orte wie Toiletten und Umkleiden als auch die täglichen Abläufe und Routinen wie Gruppenbildung Vielfalt selbstverständlich mitdenken. Kinder brauchen das klare Signal „Du musst dich hier nicht erklären, du darfst einfach du sein.“ 

DKJS: Warum ist die Auseinandersetzung mit Geschlechterbildern aus deiner Sicht keine "Zusatzaufgabe", sondern ein wichtiger Bestandteil demokratischer Bildung?

Micke Thekla Guckelsberger: Das SGB VIII benennt in §9 klar, dass die „unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen, Jungen sowie transidenten, nichtbinären und intergeschlechtlichen jungen Menschen zu berücksichtigen, Benachteiligungen abzubauen und die Gleichberechtigung der Geschlechter zu fördern“ sind. Wenn Kinder lernen, dass Vielfalt normal ist und Ungerechtigkeit veränderbar, entwickeln sie ein tiefes Verständnis dafür, dass Gleichwertigkeit kein Versprechen, sondern eine gemeinsame Aufgabe ist. Das schützt nicht nur gendernonkonforme und trans* Kinder, sondern stärkt die Selbstbestimmung und Teilhabe aller. Das ist demokratisches Fundament.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zum Thema Geschlechterrollen und Identität als Teil von Demokratiebildung gab Micke Thekla Guckelsberger am 15. September 2026 im Rahmen des Digitalcafés „Gleichberechtigung statt Rollenklischees – Geschlechterbilder in der Demokratiebildung reflektieren“ einen Impuls. Auf der TaskCardhttps://dkjs.taskcards.app/#/board/f41fbcbe-b7ad-4fe0-9c3f-23f1b5ebf385?token=ca4daea7-1f29-4403-a048-a0448bfa1cfd der Veranstaltung findest du zahlreiche weiterführende Texte und Methodenimpulse. 

Autor:in

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Kathleen Schkade

Kathleen Schkade sorgt dafür, dass Veranstaltungen gut laufen. Im Team wird sie für ihre achtsame, ruhige Art geschätzt – und als Profi an der Tischtennisplatte.

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