„Für wen bist du bei der WM?“ – Fußball als Tor zur Demokratiebildung
Die Fußball-Weltmeisterschaft erzeugt weltweit Aufmerksamkeit, gerade bei Kindern. Sie fiebern mit, verfolgen Spiele, tragen Trikots ihrer Lieblingsmannschaften und tauschen sich darüber auf dem Schulhof oder in den Familien aus. Damit bietet die WM einen niedrigschwelligen und lebensweltlich relevanten Zugang, um mit Kindern über grundlegende Fragen des Zusammenlebens ins Gespräch zu kommen.
Für die pädagogische Arbeit eröffnet das Turnier die Chance, sportliche Begeisterung gezielt mit demokratischer Bildung zu verbinden. Entscheidend ist, die gesellschaftlichen und politischen Dimensionen bewusst aufzugreifen. Besonders anschlussfähig ist dabei das Thema Zugehörigkeit: Wer gehört zu „uns“? Und wer nicht?
Zugehörigkeit und Nationalbewusstsein kindgerecht thematisieren
Die WM lebt davon, dass Menschen mit „ihrem“ Land mitfiebern. Auch Kinder übernehmen diese Form von Zugehörigkeit häufig ganz selbstverständlich. Genau hier liegt ein zentraler Ansatzpunkt für pädagogische Fachkräfte.
Gemeinsam mit den Kindern können sie erarbeiten, warum sich Menschen einem Land zugehörig fühlen und was dieses Wir-Gefühl ausmacht. Dabei wird deutlich, dass Zugehörigkeit nicht nur über Nationen entsteht, sondern auch über Freundschaften, Teams oder gemeinsame Interessen. Unterschiedliche Begründungen, etwa Herkunft, Familie, Lieblingsspieler oder Sympathie zeigen, dass „Nationalmannschaft“ nicht für alle das Gleiche bedeutet.
Gleichzeitig bietet die WM Anlass, ambivalente Seiten von Nationalbewusstsein sichtbar zu machen: Wann wirkt Zugehörigkeit verbindend, wann schließt sie aus? Und ist es möglich, mehrere Zugehörigkeiten gleichzeitig zu haben? So können Kinder darüber nachdenken, wie ein Gemeinschaftsgefühl gestaltet sein kann, das offen bleibt und niemanden ausschließt.
Die Austragung in den USA, Kanada und Mexiko verdeutlicht zudem, wie vielfältig Lebensrealitäten sind und dass „Nation“ kein einheitliches Konzept ist. Fragen wie „Sind alle in einem Team gleich?“ oder „Warum unterstützen manche Menschen mehrere Teams?“ regen dazu an, Zugehörigkeit differenzierter zu betrachten.
Eine niedrigschwellige Möglichkeit, mit Kindern über Zugehörigkeit ins Gespräch zu kommen, ist das Linien-Spiel „Ich gehöre dazu – oder?“. Dabei wird im Raum eine Linie markiert, die die Positionen „trifft zu“ und „trifft nicht zu“ symbolisiert. Die pädagogische Fachkraft liest nacheinander Aussagen vor, etwa „Ich bin für das Land, in dem ich lebe“, „Ich bin für das Team meiner Familie“, „Ich bin für das Team, das ich am besten finde“ oder „Man kann für mehrere Teams sein“. Die Kinder positionieren sich jeweils entlang der Linie. Anschließend werden einzelne Positionen kurz aufgegriffen und durch Nachfragen wie „Warum stehst du hier?“ vertieft. Auf diese Weise wird Zugehörigkeit körperlich erfahrbar und gleichzeitig in ihrer Vielfalt sichtbar. Die Methode ist besonders niedrigschwellig und eignet sich auch gut für zurückhaltendere Gruppen, da alle Kinder ohne großen Redebedarf beteiligt werden können.
Weitere Materialien, Hintergrundtexte und Bastelmaterialien zur WM finden sich z.B. bei der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberghttps://www.europaimunterricht.de/unterrichtseinheiten-fussball-und-politik.
Vielfältige Anknüpfungspunkte für demokratisches Lernen
Die Fußball-WM 2026 ist mehr als ein sportliches Großereignis. Sie bietet einen lebensnahen Anlass, mit Kindern über Zugehörigkeit, Gemeinschaft und Ausgrenzung ins Gespräch zu kommen.
Darüber hinaus lassen sich weitere zentrale Themen aufgreifen: Fragen von Fairness und Regeln, der Entscheidung des Austragungsortes, von Mitbestimmung und Entscheidungsmacht sowie ganz konkret Ticketpreise und die Frage, wer sich einen Stadionbesuch leisten kann. Auch ökologische Aspekte, wie die Auswirkungen von Reisen und Großveranstaltungen auf das Klima lassen sich thematisieren
So eröffnet die WM vielfältige Zugänge, um demokratische Grundprinzipien aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu erschließen.
Und für wen bist du bei der WM?
Auch in unserem Beitrag zu den Olympischen Spielenhttps://www.reflexionstool-demokratiebildung.de/aktuelles/mehr-als-medaillen-warum-olympia-auch-demokratie-lehrt kannst du nachlesen, wie sportliche Leistungen mit gesellschaftlichen Fragen in Verbindung gebracht werden können.