Kinder sehen die Stadt, wie sie wirklich ist – Wir könnten von ihnen lernen
Seit ein paar Jahren begleite ich journalistisch das Kinder- und Jugendparlament in Neukölln. Es sind mehr als 100 Kinder, die freiwillig regelmäßig an Sitzungen teilnehmen und lernen, zu machen. Manche sind an ihrer Schule gewählt worden, andere sind über eine Jugendeinrichtung gekommen, wieder andere haben per Losverfahren einen Brief nach Hause bekommen.
Ich habe in der Zeit viele Dinge über Kinder und über gelernt. Und darüber, dass Kinder ziemlich politisch sind, aber nicht für sie gemacht ist – und auch nicht für sie gemacht wird. Von einer Sache möchte ich hier erzählen:
An einem Tag haben Sozialarbeiter:innen einen Workshop organisiert. Die Kinder sollten über die Orte sprechen, an denen sie sich viel aufhalten und erzählen, was sie daran mögen und was nicht. Ein Mädchen berichtete von ihrem Schulweg. Dort gebe es viele Drogen und viele Obdachlose. Ein anderes Mädchen sagte: “Der Spielplatz wurde neu gemacht, das ist cool!” Sie steckte sich eine Süßigkeit in den Mund. Und sagte: “Auf dem Richardplatz sind manchmal betrunkene Leute auf der Bank.”
Kinder nehmen Städte anders wahr. Ihre Augen sind einen Meter hoch, sie blicken den Obdachlosen, die auf dem Boden sitzen, ins Gesicht. Sie sehen den Müll, die Matratzen, den Mann, der in den Hauseingang pinkelt.
Wir Erwachsene haben uns längst an diese Dinge gewöhnt und verkaufen sie in Neukölln sogar als Lebensgefühl. Als würde es den Stadtteil oder Berlin generell cooler machen, wenn es so dreckig ist. Aber für die Kinder ist es belastend, wenn auf ihren Spielplätzen Scherben liegen oder Spritzen.
Es sind Dinge, an die man sich nicht gewöhnen sollte. Für Kinder ist Obdachlosigkeit noch keine Sache, die zu einer Gesellschaft dazugehört. Sie finden es ungerecht, dass manche Menschen auf der Straße schlafen müssen. Sie wollen das ändern. Ihre Maßnahmen sind meist simpel. Fast immer wollen sie Spenden sammeln. Oder Essen verteilen. Aber viel mehr Macht haben sie auch nicht. Sie können keine politischen Entscheidungen fällen, Menschen nicht eigenhändig von der Straße holen, nicht die Frequenz der Müllabfuhr erhöhen und nichts gegen die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft tun. Wie anders wären Viertel, Straßen und Plätze gestaltet, wie anders würden Menschen behandelt, wenn Kinder und Jugendliche mehr mit einbezogen würden?
Das Kinder- und Jugendparlament versucht genau das: die Perspektive der Kinder in die zu bringen. Das ist häufig mühsam. Aber die Kinder lernen zumindest, ihre Bedürfnisse zu äußern und Erwachsene erfahren von Themen, die sie lieber verdrängen würden.
Es muss aber nicht gleich das Kinder- und Jugendparlament sein. Die Methode, die sie dort angewendet haben, kannst du auch mit deinen eigenen Kindern, deiner Kindergartengruppe oder Schulklasse anwenden. Du kannst mit den Kindern durch euer Stadtteil spazieren und mit ihnen darüber sprechen, was sie mögen und was sie stört. Du musst auch nicht zwingend durch die Stadt spazieren. Ihr könnt auch auf einer Karte Orte markieren, die den Kindern gefallen – oder eben nicht. Vielleicht könnt ihr sogar gemeinsam zu:r lokalen Politiker:in gehen und ihm oder ihr erzählen, was euch stört.
Mio hat als Sozialarbeiter:in den Workshop mitorganisiert. “Den Kindern zuzuhören gibt mir Hoffnung“, sagte Mio zu mir. Und ich wusste genau, was Mio damit meinte.