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„Antisemitismus erfordert Hinschauen“: Im Gespräch mit Beate Küpper und Alina Jugenheimer zu den Perspektiven von Fachkräften auf das Thema Antisemitismus

Interviews & Perspektiven • 06.11.2026
Zeichnung von Alina Jugenheimer sowie Foto von Beate Küpper
© Hochschule Niederrhein - Links: Alina Jugenheimer, rechts: Beate Küpper

Antisemitismus widerspricht den Grundwerten einer demokratischen und vielfältigen Gesellschaft. Pädagogische Fachkräfte stehen vor der Aufgabe, Kinder und Jugendliche für dieses Thema zu sensibilisieren und auf antisemitische Vorfälle angemessen zu reagieren. Welche Erkenntnisse die Forschung dazu bereithält und welche Handlungsmöglichkeiten sich für die Praxis ergeben, darüber sprechen wir mit Beate Küpper und Alina Jugenheimer. 

Prof. Dr. Beate Küpper ist Professorin für Soziale Arbeit in Gruppen und Konfliktsituationen an der Hochschule Niederrhein. Sie forscht und lehrt von Demokratiefreundlichkeit bis zu Demokratiefeindlichkeit an der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis. Aktuell ist sie mit einem Teilprojekt am BMBFSFJ-geförderten Verbundprojekt „Antisemitismus im Kontext Schule“ (AKS) beteiligt. Alina Jugenheimer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Teilprojekt „Antisemitismus im Kontext Schule - Perspektiven von Sozialarbeiter:innen“ (AKS-SOZ). Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Antifeminismus, Rechtsextremismus, Politische Bildung und Soziale Arbeit. 

DKJS: Warum ist es wichtig, auf das Thema Antisemitismus in Schule zu schauen? 

Beate Küpper: Schule ist ein zentraler Ort, an den junge Menschen Wissen, Werte und Deutungsmuster mitbringen, erwerben, weitertragen und an dem nun einmal ganz viel Interaktion passiert. In Schulen kommen junge Menschen mit ihren sehr unterschiedlichen Erfahrungen und Einbindungen zusammen, sind auf der Suche nach Identität und Verortung in der Welt und treffen auf Lehrer:innen und Schulsozialarbeiter:innen als wichtige Akteur:innen im Prozess ihrer Sozialisation. Sie alle sind Teil einer Welt, in der Antisemitismus seit Jahrtausenden in immer neuen Wellen mal verdeckt wabert, mal offen und gewaltvoll hervorbricht. Damit sind Schulen ein zentraler Ort für Antisemitismus. Zugleich sind sie ein Ort, an dem genau dafür ein waches, kritisches Bewusstsein und Kompetenz gebildet werden kann und muss, und ein Ort, der Schutz und Rückendeckung für jüdische Schüler:innen und Kolleg:inen gewährleisten muss. Schulen waren in der Vergangenheit ein Ort der Verfolgung und können heute ein Ort der Angst und Ausgrenzung sein, ganz unmittelbar für jüdische Schüler:innen, aber auch mittelbar über das, was dort an Antisemitismus eben nicht reflektiert wird. 

Alina Jugenheimer: Viele Lehrer:innen und Sozialarbeiter:innen meinen, „an unserer Schule gibt es gar keine jüdischen Schüler:innen“, also ist das Thema auch nicht so wichtig. Aber erstens wissen wir aus vielen Berichten, dass jüdische Kinder und Eltern in nicht-jüdischen Kontexten nicht öffentlich machen, dass sie jüdisch sind, weil sie Angst vor Aggression haben. Und zweitens ist das Thema an jeder Schule wichtig, auch wenn es dort keine:n einzige:n jüdische:n Schüler:in geben mag.

„Schulen tragen eine besondere Verantwortung dafür, junge Menschen für die liberale Demokratie und offene Gesellschaft zu befähigen, für Prävention und Sicherheit.“

Prof. Dr. Beate Küpper

Beate Küpper: Dies alles ist aus Erfahrungsberichten und ersten kleineren Studien bekannt. Es fehlt aber bislang an einer belastbaren, breiten Datengrundlage, um daraus Handlungsstrategien für den Bereich der Schule zu entwickeln. Denn klar ist: Schulen tragen eine besondere Verantwortung dafür, junge Menschen für die liberale Demokratie und offene Gesellschaft zu befähigen, für Prävention und Sicherheit. Unser Forschungsprojekt zielt genau darauf ab, in dem wir die Perspektiven jüdischer und nicht-jüdischer Jugendlicher sowie von Lehrer:innen und weiterer pädagogischer Fachkräfte, die mit Jugendlichen arbeiten, erheben und zusammenbringen, um zu verstehen, wie Antisemitismus im Schulkontext auftritt, erkannt, benannt und bekämpft werden kann. 

Im Rahmen des AKS-Projekts läuft aktuell eine Online-Befragung. Sie richtet sich an alle Fachkräfte, die mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Kontext Schule arbeiten. 

Hierhttps://verwaltung.hs-niederrhein.de/sosci/AKS/ kannst du mitmachen. Die Teilnahme ist anonym und bis zum 15. Dezember 2026 möglich.

DKJS: Wie lässt sich das Thema Antisemitismus mit Kindern und mit Jugendlichen besprechen? Habt ihr Tipps für Methoden oder Materialien?

Alina Jugenheimer: Wir sind keine Trainerinnen der Antisemitismusprävention. Auch pädagogische Fachkräfte – Lehrer:innen wie Schul- und Jugend(sozial)arbeiter:innen und -bildner:innen sind hier in den seltensten Fällen gut ausgebildet. Aus der Arbeit mit Fachkräften können wir sagen, dass sich viele unsicher fühlen, wie sie das Thema angehen können. Gleichzeitig ist es ein Thema, das Sensibilität und Fachwissen in der pädagogischen Arbeit erfordert, um als Fachkraft sensibel und fachlich fundiert reagieren zu können. Dazu gehört auch, sich beständig selbstkritisch zu hinterfragen – in einer von Antisemitismus geprägten Kultur ist es unwahrscheinlich, dass wir da nicht auch etwas von übernommen haben, auch wenn wir das nicht wollen. 

Für die Bildungsarbeit gibt jedoch es eine Reihe von Methoden und Materialien von Organisationen und Personen, die in dem Themenfeld unterwegs sind. 

  • Es gibt z. B. den Methodenkoffer MALMADhttps://www.malmad.de/ von SABRA (Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit, Beratung bei Rassismus und Antisemitismus), ein virtueller Werkzeugkasten speziell für pädagogische Fachkräfte. Er bietet vielfältige Ansätze, um antisemitismuskritische Bildung im Schul- und Freizeitkontext umzusetzen. 
  • Auch gibt es Angebote von der Bildungsstätte Anne Frank, die seit Jahren pädagogische Materialien entwickelt, die sich an unterschiedliche Altersgruppen richten. Dazu gehört etwa die digitale Lernplattform „RE:thinkhttps://www.bs-anne-frank.de/ueber-uns/projekte/virtuelles-lernlabor“– eine interaktive App für Jugendliche, die in Mini-Games durch spielerische Interaktionen für Themen wie Antisemitismus, Rassismus, Hatespeech und Verschwörungsmythen sensibilisiert. 
  • Das Anne Frank Zentrum hat zudem viele pädagogische Materialienhttps://www.annefrank.de/bildungsarbeit/lernmaterialien zur Beschäftigung mit Anne Frank, der Geschichte des Nationalsozialismus und zur Prävention von Antisemitismus entwickelt.
  • Und auf der OER-Plattform politischbilden.dehttps://politischbilden.de/modul/antisemitismus/ gibt es ebenfalls Hintergrundmaterial und konkrete Methoden zur politischen Bildung zum Thema Antisemitismus. 

Beate Küpper: Wichtig dabei ist stets – und so sind Lehrmaterialien in der Regel auch angelegt – nicht bei einer reinen Erinnerungskultur und Aufarbeitung der Vergangenheit zu verharren, sondern Antisemitismus heute zu thematisieren und auch die Vielfalt und Lebendigkeit jüdischen Lebens zu vermitteln. Hier ist die SABRA mit „Fixing the Boat – Finding Identityhttps://www.sabra-jgd.de/escape-room/“ einen ganz neuen Weg gegangen. Das ist ein Escape-Room Spiel, bei man in der Gruppe zusammen Rätsel löst und auf diesem die Geschichten der Menschen, die auf einem Boot übers Meer fahren, ergründet. Darüber lernt man jüdisches Leben und unterschiedliche jüdische Identitäten kennen. Der Escape-Room ist mobil, reist durchs Land und kann ausgeliehen werden. 

DKJS: Wie können Fach- und Lehrkräfte auf antisemitische Aussagen (oder Erzählungen) reagieren?

Beate Küpper: Antisemitismus ist nicht einfach nur verletzend und ausgrenzend. Schlimmstenfalls ist Antisemitismus tödlich - das hat uns die deutsche Geschichte auf schlimmste Weise gelehrt und das lehren immer wieder von neuem die Angriffe und Anschläge, die Jüd:innen heute in Israel erfahren müssen und die es aktuell auch wieder in Deutschland gibt. Antisemitische Straf- und Gewalttaten sind auch hierzulande - wie in vielen anderen Ländern seit dem 7. Oktober 2023, dem Terrorangriff der Hamas auf Israel - dramatisch gestiegen. Aber auch davor verbreiteten sich mit der Coronapandemie antisemitische Verschwörungsmythen und mit dem Aufstieg der äußersten Rechten Schmierereien und Anschläge auf Gedenk- und Erinnerungsstätten. Das Attentat von Halle ist fast schon wieder vergessen. Die Täter:innen sind auch alle einmal zur Schule gegangen. 

Antisemitismus erfordert daher zuallererst Schutz und Rückendeckung für jüdische Kinder und Jugendliche, Eltern und Kolleg:innen. Und Antisemitismus erfordert Hinschauen. Denn das, was mit kleinen, vielleicht sogar scheinbar witzigen Sprüchen fällt oder an Memes verbreitet wird, bietet die Grundlage für Hass. Denn auch kleine Sprüche und Bilder sind eine Machtdemonstration und die findet ihren Weg in und aus Social Media in die Köpfe und Herzen. Und ist dann auch Grundlage zum Handeln, weil man es nämlich gut und richtig findet, wenn das alle so meinen. Das gilt auch für Aufrufe, die Bezug auf die Intifada nehmen oder „From the River to The Sea“ fordern. Sie bedeuten für jüdische Menschen eine akute Bedrohung. Viele Fachkräfte haben vermutlich nur eine vage Ahnung davon, was für antisemitischer Content ihren Schüler:innen auf Social Media begegnet und weiterverbreitet wird. 

Zivilcouragiertes – und dann auch pädagogisches – Handeln beginnt beim Hinschauen und damit, ein Problem als Problem erkennen zu können und erkennen zu wollen. Es geht weiter mit der Übernahme von Verantwortung und dem Kennen von Handlungsmöglichkeiten und am Ende braucht es dann das tatsächlich aktiv werden. Fällt ein „kleiner“ antisemitischer Spruch, ein „Du Jude“, wenn jemand etwas nicht ausleihen möchte oder nicht bei der Hausarbeit abschreiben lassen will, muss man in die Situation rein gehen, nicht laufen lassen. Und es je nach Situation mehr oder weniger freundlich erklären, warum man das tut. Um die eigene Rolle als Schutzverantwortliche:r und Vorbild zu erfüllen und weil es darum geht, die vielen anderen, die das vielleicht auch nicht gut finden, mitzunehmen. Nicht erst bei einem Anlass, wenn einem bspw. ein Hakenkreuz auf der Schultoilette begegnet oder wenn man sich fragt, wie politische Botschaften wie „Free Palestine“ von jüdischen Kindern und Jugendlichen wahrgenommen werden und welche Gefühle oder Sorgen sie bei ihnen auslösen können, kann man einen Präventionstag zum Thema initiieren. Hier kann es helfen, Expertise von außen einzuladen und gemeinsam im Kollegium überlegen, wie man daran im Schulalltag anknüpfen kann. Und es braucht ein Handlungskonzept wie bei allen Fällen von Mobbing, und Gewalt, dass bei Übergriffen den Ablauf vorgibt und aktiviert wird. Denn es passiert immer noch viel zu oft, dass das Opfer von Angriffen selbst Meldung machen muss und am Ende dem jüdischen Kind empfohlen wird, doch die Schule zu verlassen. 

„Grundsätzlich erfordert die Reaktion auf antisemitische Aussagen oder Erzählungen sowohl fachliche Kompetenz als auch eine klare Haltung – denn das Thema ist komplex“

Alina Jugenheimer

Alina Jugenheimer: Wir raten dazu, das vorhandene Fachwissen und die vielen Schulungen, die von Expert:innen angeboten werden, tatsächlich auch zu nutzen. OFEK e.V. – Beratungsstelle bei antisemitischer Gewalt und bietet beispielsweise institutionelle Fachberatung und Fortbildungen zu dem Thema an. Hier gibt es etwa Angebote zum Umgang mit antisemitischen Vorfällenhttps://ofek-beratung.de/angebote/#fachberatung in Bildungseinrichtungen für Fach- und Führungskräfte. 

Grundsätzlich erfordert die Reaktion auf antisemitische Aussagen oder Erzählungen sowohl fachliche Kompetenz als auch eine klare Haltung – denn das Thema ist komplex. Fundiertes Wissen ist unverzichtbar: Nur wer die verschiedenen Erscheinungsformen von Antisemitismus kennt, kann diese sachlich einordnen und gezielt gegensteuern. Antisemitismus ist keine Meinung, sondern ein Angriff auf die Würde von Menschen, und das kann klar benannt werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

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