Stellen wir sie inhaltlich. Wie mit den rechtsextremen Akteuren im politischen Raum umgehen?
Kürzlich hatte ich mit engagierten Sozialarbeiter:innen in einer ländlichen Region zu tun – sie leben für Jugendbeteiligung und für ihre Region. Mit dem Jugendrat hatten sie Veranstaltungsformate gebrainstormt und ein ernstgemeintes Ergebnis der war, Maximilian Krah einzuladen. Der, da waren sich die jungen Menschen sicher, würde die Mehrzweckhalle bis zum letzten Platz füllen, so hatten sie es bei einer früheren Veranstaltung beobachtet. Das sprach für sie für eine erfolgreiche Veranstaltung, umso mehr in einer Region, wo eher selten viele Menschen an einem Ort sind.
Der AfD-Politiker wurde letztlich nicht eingeladen, war das Ergebnis des Aushandlungsprozesses in der Gruppe. Aber die Überlegung zeigt, auch die engagierten Jugendlichen öffnen sich weit für demokratiefeindliche Botschaften und Akteur:innen. Das ist aus Sicht der politischen Bildung alarmierend. Wie begegnen wir dem in der Demokratiearbeit? Wie sprechen wir mit jungen Menschen über das, was die AfD – als in weiten Teilen gesichert rechtsextreme Partei – will? Wenn die Begeisterung für rechtsextreme Akteur:innen kein Einzelfall, sondern der Normalfall ist, kommen wir mit als Phrasen empfundenen hehren Werten wie „Demokratie“, „Menschenrechten“ oder gar „freiheitlich demokratischer Grundordnung“ nicht weiter. Das ist die bittere Erfahrung vieler, landauf landab. Gleichzeitig muss es unser pädagogischer Anspruch sein, klar zu bleiben, Haltung zu zeigen, nicht indifferent zu werden. Dafür liefert das Buch „Politische Bildung in reaktionären Zeiten“https://www.wochenschau-verlag.de/Politische-Bildung-in-reaktionaeren-Zeiten/41136für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in- und außerhalb der Schule gute und kompakt formulierte Impulse.
Eine Strategie könnte sein: Stellen wir sie inhaltlich. Sprechen wir in unserer Arbeit mit jungen Menschen darüber, wie sich das Leben besonders für Jugendliche ändert, wenn Demokratie erodiert und autoritäre durchgesetzt wird. Dafür gibt es Beispiele: In Ungarn führte die Regierung Orbans zu mehr Bildungsungerechtigkeit, das wurde vom Europäischen Gerichtshof verurteilt. Videografische Einblicke in den Alltag von Schüler:innen unter dem autoritären russischen Regime bietet der Oscar-prämierte Dokumentarfilm „Ein Nobody gegen Putin“ (FSK12), in dem ein Lehrer paramilitärische Apelle und Freiheitseinschränkungen im Schulalltag dokumentiert.
Die AfD beschreibt in Programmen und Beschlüssen offen und klar, was sie für den Alltag junger Menschen plant.1 Allein für den Lebensraum Schule finden sich zahlreiche Beispiele. Dass sich Lehrpläne und vor allem die Geschichtserzählung verändern sollen, reißt vielleicht nicht vom Hocker. Aber wie würde es sich anfühlen, in der Schule plötzlich mit Wachschutz konfrontiert zu sein, wie es die AfD vorsieht? Schulsozialarbeiter:innen sollen stark gekürzt werden, sie seien entbehrlich, wenn die Familie zusammenhalte. Dabei wissen viele Teenager, dass sie Rat und Begleitung von (professionellen) Erwachsenen außerhalb der Familie nicht erst in Anspruch nehmen, wenn zu Hause alles zerrüttet ist. Im gleichen Zug sollen Schulsozialarbeiter:innen der Weisung von Schulleitungen unterstellt werden. Das entzieht ihnen die Möglichkeit, mit den jungen Menschen vertraulich zu arbeiten.
Kinder von geflüchteten Menschen sollen in separaten Klassen und nach Lehrplänen der Herkunftsländer unterrichtet werden, was von juristischen Expert:innen als grundgesetzwidrig eingeschätzt wird und in der Realität nicht zu leisten ist. Die Förderung baulicher Klimawandelanpassungs- und Inklusionsmaßnahmen in Schulen soll eingestellt werden. Das ist das Ende der Schulsanierung, denn ohne diese rechtlichen Rahmen und entsprechende Förderprogramme werden die zuständigen Kommunen keine Ertüchtigungsmaßnahmen in Schulen finanzieren können. Und das nach einem Sommer von Temperaturen von fast 40°C!
Es ist selbstverständlich nicht der pädagogische Auftrag, einen jungen Menschen von einer potenziellen Wahlentscheidung abzubringen. Aber es ist Auftrag politischer Bildner:innen, die Analysefähigkeit zu stärken. Solche Analysen mit jungen Menschen anzugehen, sie zu begleiten und die Ergebnisse mit offenem Visier zu diskutieren, das meint, die AfD inhaltlich zu stellen. Dazu dienen zuerst einfache Fragen, im besten Fall thematisieren sie den Alltag der jungen Menschen. Was bedeutet das für deinen Schulweg? Wie viele Menschen in deiner Jugendgruppe betrifft das?
Wichtig, nicht erst warten, bis man sich gegen die Auswirkungen autoritärer mit viel Courage zur Wehr setzen muss, wie es in Ungarn vielfach geschehen ist. Mit Politiker:innen wie Maximilian Krah persönlich diskutieren zu wollen, ist aber vergossene Milch und hat keinen Mehrwert für politische Bildung. Es wäre im Gegenteil höchst illegitim, weil politische Bildung antidemokratischen Positionen keine Bühne bieten soll.
1 Für die Landtagswahlen im Herbst 2026 gibt es profunde Analysen beispielsweise der GEW und der journalistischen Plattform riffreporter.