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„Die Mehrheit entscheidet, sorry!“ – oder nicht? Im Gespräch mit Nina Arens-Can, Referentin bei der DeGeDe

Interviews & Perspektiven • 15.06.2026
Nina Arens-Can
© Lukas Oertel

Nina Arens-Can ist Demokratie- und Kindheitspädagogin und Referentin für und Schulqualität bei der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik (DeGeDe). In ihrer Arbeit versucht sie grundsätzlich der Frage auf den Grund zu gehen, welche Bedingungen es in Lernräumen braucht, damit Menschen sich trauen, sich mit all ihren Facetten zu zeigen und sich eingeladen fühlen, sich dort zu entwickeln. Im Interview erklärt sie, wie pädagogische Fachkräfte Kinder an demokratische Entscheidungsformen heranführen können und welche Haltung es braucht, um diese Prozesse zu begleiten.

DKJS: Was macht demokratische Entscheidungen aus? Und was unterscheidet Mehrheitsentscheidungen von anderen demokratischen Entscheidungsformen?

Nina Arens-Can: Der Mehrheitsentscheid wird verbreitet oft als die demokratische Abstimmungsform schlechthin verstanden: „Die Mehrheit entscheidet, sorry!“ – und der Rest hat Pech. Dabei ist sie ursprünglich die Form, auf die man zurückgreift, wenn weder Konsens noch Kompromiss gefunden werden konnten. Die Qualität einer demokratischen Entscheidung liegt also nicht unbedingt darin, wie die Zahlen ausfallen, sondern wie zufrieden auch die sein können, die nicht zugestimmt haben. Ein einfacher Mehrheitsentscheid verhindert, dass gehört werden kann, welche Gründe Einzelne für ihre Nichtzustimmung haben. Manchmal sind es ganz einfach zu verändernde Dinge, die dann eine Zustimmung doch möglich machen. Die kleine Frage „Was bräuchtest du, um zuzustimmen?“ hat schon so manchen Entscheidungsknoten in Wohlgefallen aufgelöst.

Manchmal führen Mehrheitsentscheide auch schlicht zu Ausgrenzung: Wer Wasserangst hat und nicht schwimmen kann, kann bei der Klassenfahrt ins Schwimmcamp nicht mitfahren, für das die Mehrheit gestimmt hat. Wer sprachlich noch nicht in der Lage ist, Vorschläge zu verstehen und zu erörtern, kann sein Votum nur schwer finden. Solche Ausschlüsse sollten wir – besonders im pädagogischen Bereich – immer zu verhindern versuchen. 

Darüber hinaus geht es auch darum, dass die Kinder und Jugendlichen erfahren, dass wir alle füreinander Verantwortung tragen, dass wir als Gruppe und als Gesellschaft zusammengehören dass wir unsere Wünsche und Vorstellungen äußern und verfolgen dürfen und gleichzeitig auch auf die achten, die andere Wünsche und Vorstellungen oder nicht die gleichen Beteiligungsmöglichkeiten haben und dass wir Entscheidungen gemeinsam tragen.

DKJS: Welche Methoden eignen sich besonders, um demokratische Entscheidungsprozesse mit Kindern zu üben und Kompromisse zu finden?

Nina Arens-Can: Klar, nicht immer haben wir die Zeit, Vorschläge und Wünsche lange zu erörtern. Manchmal muss es einfach schnell gehen und das ist auch ok, wenn es sich nicht um Entscheidungen mit größerer Tragweite handelt. Wichtig ist vor allem, dass wir Wünsche und Bedenken voneinander hören können und erfahren, wie entscheidend sie für Einzelne sind. Ich mag soziokratische Abstimmungen daher sehr, die nach dem Prinzip „good enough for now, save enough to try / Gut genug in diesem Moment, sicher genug, um es auszuprobieren.“ laufen. Diese Form ermöglicht, dass sich alle zu einem Vorschlag äußern und mögliche Einwände vorbringen können. Diese Einwände werden dann in den Vorschlag integriert. „Einwand“ meint in diesem Zusammenhang nicht Vorliebe, sondern einen Grund, warum der Vorschlag dem Zweck schaden würde.  Es müssen also nicht alle unbedingt zu hundert Prozent „Ja, perfekt!“ rufen. Ein „Es ist zwar nicht mein Lieblingswunsch, aber ich kann damit leben.“ ist ausreichend. Das verkürzt ewige Diskussionen und lässt sich – entsprechend angepasst – mit Kindern, Jugendlichen und gleichermaßen auch mit Erwachsenen umsetzen. 

In jedem Fall sollte die Abstimmungsmethode der Tragweite des Inhalts angemessen sein. Das erfordert von der pädagogischen Kraft eine Sensibilität für potenziell ausschließende Lagen und Kenntnis über etwa eine Handvoll verschiedener Abstimmungsformen samt ihrer jeweiligen Vor- und Nachteile. Mögliche Beispiele sind Fist-to-Five-Abstimmung, Formen von geheimer Abstimmung oder sogenannte dialogische Positionsverfahren/„Abstimmung mit den Füßen“, um nur eine Auswahl zu nennen.

DKJS: Welche Haltung brauchen pädagogische Fachkräfte, wenn sie Kinder dabei begleiten, gemeinsame getragene Lösungen zu finden? 

Nina Arens-Can: Haltung ist vielleicht der entscheidendste Faktor. Als Pädagog:in brauche ich eine „beteiligungsfreundliche Haltung“: Zutrauen in die Kinder und Jugendlichen, zuhören, warten können, Entscheidungs- und Deutungsmacht abgeben. Zudem muss ich den Rahmen für die Kinder und Jugendlichen halten, sie ihrem Entwicklungs- und Fähigkeitsstand entsprechend aktiv darin unterstützen, ihre Vorstellungen zu äußern und umzusetzen, ohne sie dabei zu beeinflussen. Das ist gar nicht so leicht, weil teilweise paradox: ich leite, gebe vor und soll mich gleichzeitig zurückhalten. 

Andererseits muss ich vielleicht auch aushalten, dass die Kinder und Jugendlichen Entscheidungen treffen, die mir nicht gefallen. Das erfordert ein gutes Maß an Selbstreflexion, ob es z.B. die eigene Bequemlichkeit ist, die Widerwillen auslöst oder wirklich die eigene Grenze. Auch unhinterfragte eigene Vorstellungen davon, wie etwas zu sein hat, wem ich etwas zugestehe, was ich für angemessen halte – kurz: internalisierte Gesellschaftsbilder, Verhaltenserwartungen und Ordnungsvorstellungen – können innere Abwehr hervorrufen und auch hier gilt es, sich dann selbstkritisch und liebevoll auf den Zahn zu fühlen.

DKJS: Was möchtest du pädagogischen Fachkräften noch mit auf den Weg geben?

Nina Arens-Can: Erst einmal meine absolute Wertschätzung für Eure Arbeit! Die ist so komplex und wichtig und gleichzeitig wird sie durch die vorhandenen Strukturen und Umstände oft erschwert. Trotzdem seid Ihr es, die den Unterschied machen können. 

Neben ihren Familien verbringen Kinder die meiste Zeit in Bildungseinrichtungen. Gerade in einer Zeit, in der antidemokratische und autoritäre Kräfte unter uns an Zuspruch gewinnen, ist es umso wichtiger, was sie dort erleben. Kinder lernen eher von dem, was sie beobachten und erfahren als was wir ihnen sagen. Und die demokratische Kultur einer Institution wie z.B. Schule oder Hort erwächst aus dem Verhalten und Erleben ihrer Beteiligten. Das bedeutet, dass allem voran wir Erwachsenen, wir Pädagog:innen bei uns selbst anfangen und uns fragen müssen „Leben wir auch unter uns Kolleg:innen oder stehen sie nur auf unserer Homepage? Sind unsere Regeln und Abläufe transparent und ermöglichen echte für alle? Wer wird ausgeschlossen? Wie kommunizieren wir miteinander? Können wir uns einander wirklich zeigen? Wo können wir abbauen? Wie prägen und gestalten wir dadurch unsere Institution?“... Menschliche Vorbilder sein eben. Mit allen Unzulänglichkeiten und Unterschiedlichkeiten und der Möglichkeit, genau die transparent und besprechbar zu machen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zum Thema demokratische Lösungsfindung als Teil von Demokratiebildung gab Nina Arens-Can am 9. Juni 2026 im Rahmen des Digitalcafés „Ich will was, das du nicht willst – Kompromisse finden und demokratisch entscheiden“ einen Impuls. Auf der TaskCardhttps://dkjs.taskcards.app/#/board/03343dc4-831a-4ba1-8134-239b44daf869/view?token=1df4b100-0b54-466e-a5c4-78cffa137068 der Veranstaltung findest du zahlreiche weiterführende Texte und Methodenimpulse. 

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Carla Klatte

Carla Klatte arbeitet in der Programmkommunikation. Sie ist im Team bekannt für ihre verlässliche Arbeitsweise und hat eine Schwäche für Zimtgebäck.

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