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Was Social-Media-Verbote wirklich verdrängen

Impulse für die Praxis • 22.07.2026
Portrait Dejan Mihajlovic
© Dejan Mihajlović

Social Media prägen seit Jahrzehnten unseren Alltag und vernetzen die Welt. Seit einigen Monaten wird in Medien und verstärkt diskutiert, ob und ab welchem Alter Verbote für junge Menschen sinnvoll wären. Doch warum sind diese Debatten und die Forderung nach einem Social-Media-Verbot gerade jetzt so populär? Welche Fragen wären in der Sache hilfreicher und welche Rolle spielt dabei

Die Logik, die sie kritisieren

Die Popularität dieser Debatten hat mehrere Gründe. Einer liegt ironischerweise darin, dass sie selbst der Logik jener Plattformen folgen, die sie kritisieren. Zunächst werden apokalyptische Szenarien gezeichnet, in denen Kinder permanent großen Gefahren ausgesetzt sind. Das emotionalisiert, weil es (zumindest oberflächlich betrachtet) um den Schutz und das Wohlbefinden von Kindern geht. Erwachsene können so in die Rolle von Retter:innen schlüpfen, was besonders für Influencer:innen und Politiker:innen attraktiv ist

Deshalb werden die komplexen Bedingungen und Auswirkungen von Social Media auf ein Gut-Böse-, Richtig-Falsch- und Freund-Feind-Schema reduziert: Retter:innen können einfache Lösungen dafür verkaufen. Wer sich in diesem moralisch aufgeladenen Rahmen gegen ein Verbot ausspricht, erscheint demnach als jemand, der gegen den Schutz von Kindern ist. Medial-politisch sind diese Debatten deshalb so attraktiv, weil sie alles bieten, was „Content" braucht, um von Algorithmen als bedeutend eingestuft und im Feed mit Sichtbarkeit belohnt zu werden: einen populistischen Nährboden. Permanent können Anekdoten und Vorfälle auf digitalen Plattformen aufgegriffen und in die schematische Erzählung eingebaut werden. 

Eine zentrale Funktion solcher Verbotsdebatten ist damit die Verdrängung der eigentlichen Aufgabe: eine wertoffene, differenzierte und vertiefte Auseinandersetzung mit der Funktion, Wirkung und Nutzung von Social Media bei jungen Menschen. Eine Auseinandersetzung, die interdisziplinär technisches, psychologisches, soziologisches und politisches Fachwissen einbezieht und so nicht zu einseitigen, unterkomplexen Ergebnissen führt. Wer so auf mögliche Verbote blickt, wird neben den versprochenen Vorteilen auch eine Reihe von Problemen in die Beurteilung einbeziehen und so einfachen Lösungen skeptisch begegnen. 

Adultismus: Wer spricht hier eigentlich?

Ein weiterer, wesentlicher Grund für die Popularität liegt darin, dass die Auswirkungen von Social Media isoliert in Bezug auf Kinder diskutiert werden. Damit sind wir beim Adultismushttps://mihajlovicfreiburg.com/2026/06/13/adultismus-in-der-schule/. Alle Menschen werden adultistisch sozialisiert: Wir wachsen mit der Vorstellung auf, junge Menschen seien defizitär, gewissermaßen „unfertige Erwachsene" und damit nicht gleichwertig. Diese dominierende Idee führt dazu, dass Erwachsene primär eine Welt von Erwachsenen für Erwachsene schaffen und erhalten. Über Kinder und Jugendliche wird deshalb in der Regel gesprochen – nicht mit ihnen.

Jungen Menschen fehlt aus diesem Grund politisch und medial eine Lobby, eine Stimme, ein Wahlrecht. Sie sind nicht nur ökonomisch von Erwachsenen abhängig, sie erhalten auch kaum Möglichkeiten, sich auf ihre Weise und zu ihren eigenen Themen einzubringen. Kein Wunder also, dass die Debatten von der Perspektive, dem Wissen und der Haltung Erwachsener beherrscht werden. Von Menschen, die selbst in einer Welt ohne Social Media aufgewachsen sind. Wie viele wissen hier tatsächlich Bescheid, statt populäre bis populistische Narrative einfach zu übernehmen, wenn es darum geht, wie junge Menschen Social Media nutzen und wie diese auf sie wirken?

Social Media helfen immer wieder, Machtstrukturen und -missbrauch zu durchbrechen, sodass junge Menschen und ihre Anliegen gehört und gesehen werden. Diese Aspekte finden in der Diskussion kaum Beachtung, weil viele Erwachsene diese Erfahrungen nie machen konnten. Sie wissen ebenfalls nicht, dass Kinder und Jugendliche auf digitalen Plattformen viel lernen, sich informieren und organisieren. Dass sie soziale Kontakte knüpfen und pflegen oder einfach zur Unterhaltung durch den Feed scrollen, so wie ihre Eltern früher durch diverse TV-Kanäle zappten. Dass Social Media sogar ein Safer Space sein können, den junge Menschen in ihrem direkten Umfeld nicht finden und erhalten.

Das Internet löschen ist keine Lösung

Die Bildungsdebatte der letzten Jahrzehnte ist geprägt von der einseitigen Annahme und Erzählung, das Internet sei eine Gefahr, weil es Lernprozesse störe oder verhindere. Ausgehend von der Warnung vor der Nutzung von Wikipedia für Präsentationen und Hausarbeiten, verlief die Debatte über Vorurteile gegenüber Smartphones und Apps, die bestimmte Aufgaben erledigen und erklären können, und befasst sich aktuell mit dem Thema KI. Das Hauptargument war dabei stets: Wissen werde nicht mehr erworben, weil alles schnell und einfach abrufbar sei. Junge Menschen würden so entmündigt, leicht manipulierbar, unfähig, Fake News von Fakten zu unterscheiden. Statt nicht-digitale Lernsettings und -prozesse zu reflektieren, wurden sie verteidigt.

Die Folge: Erst wurde die Nutzung von Wikipedia verboten, später die von Smartphones. Während für jede neue gesellschaftliche Herausforderung ein neues Schulfach geforderthttps://krautreporter.de/kinder-und-bildung/4849-warum-wir-kein-neues-schulfach-brauchen-egal-welches#lesen wird, wird für junge Menschen bei jeder neuen Herausforderung ein neues Verbot als notwendig erachtet. Das Ergebnis: Kinder und Jugendliche sollen an Schulen digitale und Souveränität erreichen, ohne ihre digitale Welt erfahren zu können. Sie werden weder gefragt noch dürfen sie mitbestimmen. Das reiht sich ein in eine Machtstruktur, in der Schüler:innen auch mit 16 Jahren um Erlaubnis bitten müssen, um aufs Klo zu gehen – während sie bei Wahlen zeitgleich mündige Demokrat:innen sein sollen.

Was helfen könnte

Die Welt und ihre Rahmenbedingungen haben sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend gewandelt. Welche Fragen würden junge Menschen tatsächlich in den Mittelpunkt rücken und wären somit hilfreicher als Pro-Kontra-Verbotsdebatten? Vier Vorschläge:

  1. Welche Angebote und (Frei-)Räume, physisch wie digital, erhalten junge Menschen? Welche wünschen sie sich? 
  2. Wie nutzen junge Menschen digitale Angebote und wie wirken sie sich auf ihr Leben und Lernen aus? (Eine Frage, die nur im gleichwertigen Austausch mit ihnen beantwortet werden kann.)
  3. Was leben Erwachsene jungen Menschen vor?
  4. Wie würde eine Berichterstattung aussehen, ausgehend von der tatsächlichen Sachlage, die eine wertoffene Debatte fördert? Was braucht es, damit Medienschaffende aufhören können, anekdotische Horrorerzählungen als Grundlage für politische Entscheide heranzuziehen?

Wer junge Menschen wirklich schützen will, fängt nicht mit einem Verbot an, sondern mit einer Frage an sie und begegnet ihnen dabei auf Augenhöhe. Solange Erwachsene über Themen entscheiden, die junge Menschen betreffen, ohne mit ihnen zu sprechen, bleibt jedes Verbot vor allem eines: eine nutzlose Antwort auf die falsche Frage.

Autor:in

Name Autor:in

Dejan Mihajlović

Dejan Mihajlović schreibt regelmäßig Gastbeiträge für die Rubrik Aktuelles. Er arbeitet als Referent für Demokratiebildung und Digitale Transformation am ZSL Baden-Württemberg, als Dozent an der PH Weingarten und Lehrer an der Staudinger Gesamtschule in Freiburg.

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