Wahlen, überall Wahlen - gemeinsam mit Kindern diskutieren und reflektieren
Mein Sohn (6) fragte gestern: "Trump, das ist doch der Böse, ärgert der sich, wenn er jetzt nicht mehr alles bestimmen kann?"
Kinder bekommen mit, wenn Erwachsene über große Ereignisse wie Wahlen reden, sich aufregen oder sich freuen, sie schnappen immer wieder große und kleine Informationen aus Medien auf oder haben Freund:innen, die Verwandte in anderen Ländern haben.
Und da entstehen bei Kindern natürlich viele Fragen, denen man erstmal neugierig und offen zuhören sollte:
- Sind Demokrat:innen demokratischer als Republikaner:innen?
- Warum wird bei den Midterms eigentlich kein neuer Präsident gewählt?
- Und sind Bundeskanzler:in und Präsident:in eigentlich das Gleiche?
Diese Fragen bieten eine gute Gelegenheit, das deutsche Wahl- und Politiksystem zu kontextualisieren, Begriffe zu definieren und über Gemeinsamkeiten und Unterschiede in international verschiedenen Wahlsystemen zu sprechen. Dabei können Kinder und Jugendliche je nach Alter und Kompetenzstand die Antworten selbst recherchieren und verifizieren, wodurch direkt das Thema Nachrichten- und Informationskompetenz eingebunden werden kann.
Aber auch man selbst kann spannende Fragen an die Kinder stellen und damit neue Impulse und Denkanstöße geben. Gute Fragen für Kinder verknüpfen dabei das Politische mit ihrer eigenen Erfahrungswelt, wie Schule, Sport oder Regeln zu Hause. Hier ein paar Beispiele:
- Stell dir vor, du bist Klassensprecher:in für vier Jahre. Warum wollen deine Mitschüler:innen nach zwei Jahren überprüfen, wie gut du deine Sache machst?
→ Hier kann man über Kontrollmechanismen von Politik informieren und eine Möglichkeit geben, darüber zu sprechen, wann und wo sie selbst Unzufriedenheit adressieren können. - In den USA gibt es im Grunde nur zwei riesige Teams: die Roten (Republikaner:innen) und die Blauen (Demokrat:innen). Warum gibt es nicht so viele Parteien wie bei uns?
→ Die geschichtliche Einordnung und die Vor- und Nachteile des Mehrparteiensystems können dabei erläutert werden. Gemeinsam kann man aber auch zur Bewertung der Systeme ins Gespräch kommen, z. B. welches System sinnvoller, gerechter oder wünschenswerter ist. - Wenn Gesetze für ein ganzes Land gemacht werden – welche Themen bei einer Wahl betreffen Kinder und Jugendliche eigentlich direkt?
→ Es können Themen gemeinsam gesammelt werden, die Einfluss auf das Leben von Kindern haben, wie die Ausgestaltung des Bildungssystems, Social-Media-Nutzung, oder Klima- und Umweltschutz.
Zudem kann beispielsweise aber auch über die Repräsentation von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen diskutiert werden und darüber, ob es gerecht ist, dass Kinder und Jugendliche nicht wählen dürfen.
Wahlen weltweit
In diesem Jahr gab es bereits viele weitere spannende internationale Wahlen, wie in Serbien und Brasilien, bei denen insbesondere junge Menschen einen entscheidenden Einfluss auf das Ergebnis hatten.
In Serbien sorgten junge Menschen für eine politische Erschütterung, denn eine breite studentische Protestbewegung gegen Machtmissbrauch und fehlende Rechtsstaatlichkeit errang die absolute Mehrheit. Ihr innovativer Ansatz dabei: die Studierenden setzten auf ihrer Wahlliste vor allem auf externe Fachexpert:innen, Professor:innen und Mitglieder der Zivilgesellschaft, um den Staat neu aufzustellen und Korruption zu bekämpfen.
In Brasilien zeigt sich ein komplexeres Bild bei den jungen Wählenden, die dort bereits ab 16 wählen können. Um die junge Generation zu mobilisieren, setzten Parteien massiv auf digitale Wahlkampfstrategien auf TikTok und Instagram.
Über diese Wahlen wurde viel weniger in den Medien in Deutschland berichtet und sie waren damit auch weniger gesellschaftliches Thema, als die Midterms in den USA.
Es kann also durchaus ein spannender neuer Blickpunkt sein, auch in anderen Ländern auf Wahlen zu schauen, vielleicht sogar gemeinsam eine Suche nach unbekannteren Wahlen zu starten, mit der man gemeinsam den Fokus für Geschehnisse in der ganzen Welt schärfen kann.
Welche Bezugspunkte zum Thema Wahlen gibt es für Kinder und Jugendliche?
- Wo haben sie ganz konkret selbst die Möglichkeit zu wählen?
→ z.B. Schülersprecher:innen-Wahlen, Abstimmungen an der Schule, U16- oder U18-Wahlen - Welche Möglichkeiten haben sie selbst, außerhalb von Wahlen teilzuhaben und sich für ihre Themen stark zu machen?
→ z.B. Demonstrationen, zivilgesellschaftliches Engagement oder Mitbestimmungsmöglichkeiten in ihrem Sozialraum
Und last but not least: die Hoffnung in die Demokratie
Was die Wahlen in den USA auch zeigen: solange demokratische Gesellschaftssysteme bestehen, ist es immer möglich, dass Bürger:innen ihren politischen Willen ausdrücken oder auch ändern und damit auch den vielfach beschworenen Rechtsruck ausbremsen können.
Zum Thema Wahlen findest du hier im Reflexionstool noch weitere spannende Beiträge:
Im Gastbeitrag von Agnes Scharnetzkyhttps://www.reflexionstool-demokratiebildung.de/aktuelles/im-dschungel-wird-gewaehlt-wie-wir-den-wahldschungel-fuer-junge-menschen-lichten geht es um das Kinderbuch "Im Dschungel wird gewählt" und darum wie wir vertrauensbildende Demokratiebildung in Wahlkampfzeiten gestalten können.
Yvonne Lehmann von der Friedrich-Ebert-Stiftung hat uns im Interviewhttps://www.reflexionstool-demokratiebildung.de/aktuelles/welche-wahl-haben-jugendliche-im-gespraech-mit-yvonne-lehmann-friedrich-ebert-stiftung mitgegeben, wie man mit Jugendlichen zu Parteien und Wahlen arbeitet.
Und wie man Wahlergebnisse mit Kindern thematisieren kann, haben wir im Interview auch Dr. Dominik Ringlerhttps://www.reflexionstool-demokratiebildung.de/aktuelles/wie-kann-ich-mit-kindern-und-jugendlichen-ueber-wahlergebnisse-und-politik-reden-im vom Kompetenzzentrum Kinder- und Jugendbeteiligung gefragt.