Das Problem mit dem Begriff Demokratie.
Demokratie ist ein altes, ehrwürdiges und vielschichtiges Konzept. Umso spannender sind Forschungsergebnisse, die zeigen, dass bereits Kinder sehr elaborierte Demokratie-Konzepte entwickeln, wenn diese gezielt gefördert werden. Das belegen diverse Studien und Projekte von DKJS über Bertelsmann-Stiftung bis zum Deutschen Jugendinstitut. Dabei geht es nicht um theoretisches Wissen zur antiken Demokratie im alten Athen, das heute noch Grundlage vieler Überlegungen zu demokratischen Systemen ist. Es geht um ein handelndes Verstehen der Prinzipien, die grundlegend für die Demokratie sind. Das ist nicht nur für Kinder wichtig. Umfragen unter Erwachsenen zeigen immer wieder, dass es gute Gründe gibt, genauer hinzuschauen, was eigentlich gemeint ist, wenn jemand „Demokratie“ sagt.
„ ist kein Pizza-Service.“ So analysiert der Dresdner Politikwissenschaftler Hans Vorländer ein fundamentales Missverständnis im Hinblick auf das demokratische System. Bürger:innen würden zu oft erwarten, dass man bei der bestellt und die muss liefern – wenn das Ergebnis nicht zur Erwartung passt, sei es undemokratisch. Das ist auch ein Erklärungsansatz für die durchaus paradoxen Befunde der diversen Länder-Monitore und bundesweiten Studien: Die Zustimmung zur Demokratie als solcher ist relativ stabil bei bis 85 Prozent – mit 65 Prozent bzw. 70 Prozent sehen wir in Sachsen und Thüringen in den jeweiligen Ländermonitoren den Peak nach unten. Allerdings ist die Zufriedenheit mit der täglich erlebten Demokratie signifikant geringer und zwar um ca. ein Drittel. Nur etwa die Hälfte der Befragten in Deutschland ist zufrieden mit der Demokratie, wie sie sie erleben.
Es lohnt sich also, mal genauer zu fragen, was die Menschen sich unter Demokratie vorstellenhttps://www.instagram.com/p/Dc0SVyklUvt/?utm_source=ig_web_copy_link&psln=MzRlODBiNWFlZA==&srtk=MzRlODBiNWFlZA== – ganz wertfrei, es geht nicht um richtig oder falsch! Menschen können Demokratie gut argumentiert beispielsweise in erster Linie als Technik und Mechanismus verstehen: Wie werden Entscheidungen getroffen, Regierungen gewechselt, Wahlkämpfe ausgefochten? Das wären hier zentrale Fragen. Andere wiederum betonen den sozialen Aspekt und sehen Demokratie als grundlegendes Prinzip in allen Lebensbereichen und sozialen Beziehungen: Sich gegenseitig zuhören, füreinander aufmerksam sein, Minderheiten mitdenken, das sind dann zentrale demokratische Ansprüche. Demokratie kann ebenso als ständiger Konflikt um die Neuordnung gesellschaftlicher Verhältnisse gelesen werden wie als Konsens um geteilte Vorstellungen von Ordnungen, Normen und Institutionen. Demokratie kann eher republikanisch verstanden werden und die Gesellschaft der Freien und Gleichen meinen, die gemeinsam Projekte verfolgen. Demgegenüber steht eine liberale Sichtweise, in der es um die größtmögliche Freiheit und freie Entfaltung des Individuums geht.
Und wenn man die Konzepte gesammelt hat, geht es natürlich nicht darum, sich die verschiedenen Vorstellungen entgegenzuhalten, sondern Aushandlung zu üben, ein ur-demokratischer Mechanismus. Dabei haben dann auch Positionen Raum, die vielleicht auf den ersten Blick nicht für alle nahe liegen. Würdest du etwa sagen, dass Losen (wie wir das z.B. von einer Tombola kennen) eine legitime Art demokratischer Entscheidungsfindung ist? Es gibt Initiativen, die genau das stark machen. „Es geht los“ ist eine Gruppe, die zu Bedenken gibt, dass die repräsentative Demokratie, die vom Wettbewerb lebt, in der Krise steckt. Stattdessen setzen sie auf Losverfahren und wollen so gerade Perspektiven sichtbar machen, die sonst selten wahrgenommen werden.
Ich bin überzeugt, dass es der dringend notwendigen Verteidigung der Demokratie dient, diese Mühen der Konzeptarbeit in die Breite zu tragen. Gern mit unkonventionellen Ansätzen, wie es offenbar in den Programmen für Kinder gelingt: mit alltäglichen bewussten Aushandlungen und der , wie Entscheidungen zu Stande kommen. Nehmt euch Zeit, mit Menschen darüber zu sprechen, was für sie Demokratie ausmacht – und was das betont oder in den Hintergrund rückt. So abstrakt, wie Demokratie ist, oder in konkreten Fällen der Entscheidungsfindung - während der Diskussion oder nach dem Beschluss. Wer gewinnt Freiheit? Wer muss Verantwortung übernehmen? Wer wird unterstützt? Wer kann auf die anderen zählen? Werden sich alle einig oder müssen sich einige fügen? Dazu eignet sich eine Betzavta-Übung, die unter dem Titel „Was ist Demokratie für dich“ gefunden werden kann. Es kann aber auch eine Fallanalyse sein, wo einmal genau geschaut wird, wie kam diese Entscheidung eigentlich zu Stande? Für die Bundesgesetzgebung liefert die Gestaltungszentrale mit dem Atlas für Politik, Prozesse und Partizipation dafür ein spannendes Toolhttps://gestaltungszentrale.org/projekte/atlas-fuer-politik-prozesse-partizipation.
Grundsätzlich gilt es, Räume zu schaffen, wo Verständnisse von Demokratie nebeneinandergestellt werden und dabei vielleicht auch das ein oder andere Missverständnis ausgeräumt werden kann. Warum nicht dazu eine Pizza nach Wunsch bestellen? Und natürlich gern im Austausch mit Kindern, von denen wir da viel lernen können.