Alle Beiträge

Im Dschungel wird gewählt. Wie wir den Wahldschungel für junge Menschen lichten.

Impulse für die Praxis • 10.06.2026
Gastautorin Agnes Scharnetzky
© Die Rederei, Benjamin Jenak

In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern wird gewählt. In bayerischen Kommunen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz wurde schon gewählt. Eigentlich wird immer irgendwas und irgendjemand irgendwo gewählt. Im Dschungel auch, so wie im gleichnamigen Kinderbuch aus Brasilien, das mit von Kindern entstanden ist.

Das Buch „Im Dschungel wird gewählt“ von André Rodrigues und anderen verschenke ich sehr gerne. Es zeigt ganz hervorragend die weniger rosigen Seiten von Wahlen: Wahlen sind anstrengend. Da wird miteinander gerungen. Das heißt nicht umsonst „Wahlkampf“. Da treten auch Akteur:innen auf den Plan, die man gar nicht leiden kann und deren Positionen man nicht verstehen will, vielleicht noch nicht mal legitim finden kann. Deswegen ist im Dschungel festgelegt, dass Gegner:innen trotzdem nicht aufgefressen werden dürfen. Eben wie im echten Leben.

Wir Demokratiebildner:innen neigen dazu, Wahlen recht positiv zu besetzen. Alle können sich beteiligen. Wirklich alle? Das stimmt so nicht. Kinder, Menschen mit nicht-deutscher Staatsangehörigkeit und bis 2019 einige Menschen mit Behinderungen nicht.

Wir stellen in Aussicht, am Ende gibt es ein Ergebnis „zum Wohle aller“. Auch das muss mit Blick auf das Regierungsprogramm von Rechtsextremen klar in Frage gestellt werden. Wir sagen staatstragend, im Wahlkampf geht es darum, Argumente und Interessen ehrlich miteinander auszuhandeln. Wenn wir aber Menschen zuhören, die politische Kommunikation planen, wissen wir, dass das zum Gutteil Augenwischerei ist. Vielmehr sollen Menschen überzeugt werden, sich für ein Produkt zu entscheiden. Wie im Supermarkt. Es soll also ein Produkt - in Form einer Person oder Partei – verkauft werden, damit diese Macht erlangen können. Macht diese Verkaufslogik das Wahlsystem weniger legitim? Mitnichten. Es ist nicht kritiklos gut, aber es ist das beste System, das wir kennen.

Das können wir auch ehrlich sagen. Und kreativ darüber nachdenken, wie wir vertrauensbildend in Wahlkampfzeiten gestalten können.

Das Dschungel-Kinderbuch bietet dafür gute Brücken, denn es richtet den Blick auf die Schwächen ohne Verschwörung oder erhobenen Zeigefinger. Es lädt ein, kreativ zu werden, wie Angebote der in Wahlkampfzeiten in diesem Sinn positiv gestaltet werden können.

Hier ein paar Überlegungen:

Lasst uns Wahlkampfzeiten nutzen, um alternative Ideen in die Debatte zu bringen. Kinder dürfen nicht wählen, aber sie können ihren Großeltern sagen, wen sie wählen würden, weil sie viel länger mit der Entscheidung leben werden und die Großeltern somit Verantwortung für die Zukunft der Kinder tragen.

Lasst uns die Podiumsdiskussionen, die es auch im Dschungel gibt, vom Kopf auf die Füße stellen und Formate umsetzen, in denen es nicht darum geht, den Politiker:innen zuzuhören, sondern ihnen etwas mitzugeben. Fragen werden allen im Raum gestellt und gegenseitig beantwortet: „Was steht auf Platz 3, der Dinge, die dich nerven?“ „Wer hat zu wenig Macht?“ „Was stresst dich?“ Dafür gibt es bewährte Vorlagen, zum Beispiel beim KJRS mit dem Kartenset „Und du so?“.

Lasst uns darüber sprechen, dass nicht jede Wahlentscheidung gleich gut ist: Es geht nicht nur um persönliche Interessen, sondern um die ganze Gesellschaft und den ganzen Staat. Es geht nicht um das, was war, sondern um das, was kommen wird, und zwar für alle. Das hat das Faultier von der Volks-Freunde-Partei gut im Blick.

Ich will eine Art sokratisches Sieb für Wahlentscheidungen anbieten:

  • Wem nützt es? Dient es nur deinen Interessen oder ist deine Wahlentscheidung für viele gut?
  • Was wird dadurch in Zukunft besser? Welche konkreten Problemlösungen werden für die Zukunft angeboten?
  • Wer wird eingebunden? Welche Gruppen und Perspektiven werden durch die Wahlentscheidung repräsentiert? Dient sie dazu, Kompromisse zwischen möglichst vielen in der Gesellschaft zu stiften?

Das sind Fragen, die Kinder auch in Gespräche tragen können, überall dort, wo sie Erwachsenen begegnen. Und das sollte der Anspruch guter Wahlentscheidungen sein.

Nebenbei erwähnt, ist es ein lohnender Zugang, Kinder nicht nur in der , sondern auch bei der Erarbeitung von Materialien zur politischen Bildung zu beteiligen, wie das Buch „Im Dschungel wird gewählt“ eindrücklich zeigt. 

André Rodrigues, Larissa Ribeiro, Paula Desgualdo, Pedro Markun: Im Dschungel wird gewählt. Prestel. München, London, New York, 2020. https://www.stiftunglesen.de/loslesen/lesetipps-und-aktionsideen/detail/im-dschungel-wird-gewaehlt

 

Autor:in

Name Autor:in

Agnes Scharnetzky

Agnes ist Mitarbeiterin in der John-Dewey-Forschungsstelle für die Didaktik der Demokratie, kurz JoDDiD, in Dresden. Sie lacht viel, denn die Erfahrung ist, dass das die Dinge leichter, die Menschen offener und die Konflikte kleiner macht. 

Newsletter icon
Newsletter

Fachimpulse zur und Veranstaltungseinladungen ca. 1 x pro Monat direkt in dein Mail-Postfach!

Demokratieverständnis

Demokratieverständnis

Leseempfehlungen

Einladung zum Digitalcafé: Ich will was, das du nicht willst – Kompromisse finden und demokratisch entscheiden
Ankündigungen & Veranstaltungen • 21.05.2026

Einladung zum Digitalcafé: Ich will was, das du nicht willst – Kompromisse finden und demokratisch entscheiden

mehr erfahrenhttps://www.reflexionstool-demokratiebildung.de//aktuelles/einladung-zum-digitalcafe-ich-will-was-das-du-nicht-willst-kompromisse-finden-und