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„Politik und Demokratie durchdringen unseren Alltag und jeden Lebensbereich": Im Gespräch zur VoiceUp!-Befragung mit Leonie Thomas

Interviews & Perspektiven • 30.07.2026
Foto von der VoiceUp!-Gruppe mit den Berichten in den Händen

Von jungen Menschen für junge Menschen – genau das ist der Ansatz von VoiceUp! Das Jugendnetzwerk aus 15 engagierten jungen Menschen setzt sich dafür ein, dass die Perspektiven ihrer Generation in gesellschaftliche und politische Debatten einfließen. Ob durch Beteiligungsformate, Ideenwerkstätten oder eigene Projekte: VoiceUp! schafft Räume, in denen junge Menschen ihre Anliegen, Wünsche und Forderungen formulieren können.

Ein zentrales des Netzwerks war 2025 die gemeinsam mit der DKJS entwickelte Online-Befragung. Darin wurden junge Menschen zu ihren Ansichten über gesellschaftspolitische Themen, gesellschaftlichen Zusammenhalt und ihre Wünsche für die Zukunft befragt. Ergänzend organisierte das Netzwerk sieben Ideenwerkstätten mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die Ergebnisse machen deutlich, welche Themen junge Menschen bewegen – und welche Erwartungen sie an und Gesellschaft haben. Auf dieser Grundlage formuliert VoiceUp! konkrete Forderungen und setzt sich für mehr Mitbestimmung junger Menschen ein.

Eine derjenigen, die die Befragung begleitet und die Ergebnisse mit aufbereitet hat, ist Leonie Thomas. Die Mitarbeiterin im Kooperationsverbund im Kindesalter ist seit 2025 Mitglied im VoiceUp!-Netzwerk. Seit Dezember unterstützt sie außerdem dabei, die Erkenntnisse aus der Befragung zu kommunizieren – auf Fachveranstaltungen, gegenüber politischen Entscheidungsträger:innen und über Social Media. Wir haben mit ihr über die Umfrage, die wichtigsten Erkenntnisse und die Forderungen des Netzwerks gesprochen

DKJS: Welche Erkenntnisse habt ihr durch eure Befragung gewonnen?

Leonie Thomas: Das Besondere an der VoiceUp!-Befragung ist, dass unsere Studie partizipativ angelegt ist. 15 Mitglieder des VoiceUp!-Netzwerks waren von Beginn an in jeden Schritt der Befragung eingebunden. Als Netzwerkmitglied bin ich selbst an der Befragung und deren Gestaltung beteiligt gewesen. 

Für die repräsentative Online-Befragung haben wir als Netzwerk im ersten Schritt Themen diskutiert und Ideen für den Fragebogen eingebracht. Anhand unserer Themen wurden 1.500 junge Menschen zu den Themen Zukunft, Meinungsaustausch und befragt. Die Ergebnisse der Befragung haben wir mit Expert:innen der DKJS und mithilfe eines Meinungsforschungsinstituts ausgewertet. 

Unsere wichtigsten Erkenntnisse sind folgende: 

  • 78% der jungen Menschen wünschen sich gesellschaftlichen Zusammenhalt. Allerding haben nur 43% der Befragten das Gefühl, dass unsere Gesellschaft zusammenhält. Bedürfnis und Realität liegen hier sehr weit auseinander. 
  • Außerdem hat ein Drittel der Befragten das Gefühl, gar nicht richtig zur Gesellschaft zu gehören – eine Zahl, die ich besonders erschreckend finde. Das trifft vor allem diejenigen in prekären finanziellen Lebenslagen. Junge Männer fühlen sich zudem häufiger gesellschaftlich ausgeschlossen als junge Frauen. 
  • Dazu kommt, dass sich nur vier von zehn jungen Menschen frei fühlen, ihre politische Meinung offen zu äußern. Viele junge Menschen halten ihre Meinung bewusst zurück, abhängig von Kontext und Thema. Dabei stellt sich heraus, dass sich junge Menschen vor allem im öffentlichen Raum und auf Social Media in ihrer freien Meinungsäußerung eingeschränkt fühlen. 
  • Dem Thema Zukunft stehen junge Menschen mit geteilten Meinungen gegenüber: Lediglich vier von zehn jungen Menschen haben Vertrauen, dass wir gemeinsam als Gesellschaft eine lebenswerte Zukunft schaffen können. Dabei fällt auf, dass Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren positiver in die Zukunft blicken als junge Erwachsene ab 18 Jahren. 
  • Auch die gesamtgesellschaftliche Situation ist dabei entscheidend: Junge Männer, Menschen in guten wirtschaftlichen Situationen und junge Personen aus der Großstadt haben mehr Vertrauen in eine lebenswerte Zukunft als junge Frauen, Menschen ohne angestrebtes (Fach-)Abitur und diejenigen in schlechterer wirtschaftlicher Lage. 

DKJS: Was beschäftigt Jugendliche, wenn sie auf Politik schauen? Was wünschen sie sich von Erwachsenen und politischen Entscheidungsträger:innen? 

Leonie Thomas: Wenn junge Menschen auf schauen, so fällt vor allem eines auf: Sie haben das Gefühl, keinen Einfluss auf das politische Geschehen nehmen zu können. Insbesondere junge Menschen unter 18 Jahren schätzen ihre Einflussmöglichkeiten als besonders gering ein. Sie fühlen sich oft weder gehört noch gesehen.  

Das lässt sich auch an den Debatten zum Wehrdienst und der Rentenreform beobachten. Obwohl beides Themen sind, die gerade für die Zukunft junger Menschen hohe Relevanz haben, wird viel ohne sie diskutiert. Das verstärkt den Eindruck, dass sich Politiker:innen nicht darum kümmern, was junge Menschen denken. 

Außerdem wird  von vielen jungen Menschen als komplex wahrgenommen. Da zeichnet sich ein Problem ab: Wer politische Fragen nicht versteht, kann sich auch keine Meinung bilden. Durch exklusive, akademische Sprache wird jungen, interessierten Menschen so der Zugang erschwert. 

DKJS: Auf Grundlage der Ergebnisse der Studie: Was fordert ihr von politischen Entscheidungsträger:innen?

Leonie Thomas: Aus den Ergebnissen der Befragung haben wir als Jugendnetzwerk gemeinsam Forderungen an die  abgeleitet. 

Eine dieser Forderungen ist, das Recht auf Mitbestimmung durchzusetzen. Für Kinder und Jugendliche ist dieses Recht bereits in der UN-Kinderrechtskonvention verankert, aber wie die Wahrnehmung junger Menschen zeigt, gibt es hier Nachholbedarf. Deshalb fordern wir unter anderem, dass junge Menschen in Kommissionen zu gesellschaftspolitischen Themen – wie der Kommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ des BMFSFJ – einbezogen werden. Außerdem bestehen wir darauf, dass es mehr aufsuchende Angebote gibt, die allen jungen Menschen ermöglichen. Engagement junger Menschen muss dabei wertgeschätzt und honoriert werden, damit es kein Privileg ist, sich gesellschaftlich zu engagieren. 

Auch das teils negative Zukunftsbild muss angegangen werden, indem der gesellschaftliche Zusammenhalt gestärkt wird. Wir fordern von der , diesen Zusammenhalt durch klare Haltung gegen Ausgrenzung, wirksame Unterstützung junger Menschen in prekären Lagen und echte von Kindern und Jugendlichen zu stärken. 

Um Meinungen frei äußern zu können, braucht es eine Kultur der Akzeptanz. Diese können wir nur erreichen, indem Politiker:innen, Demokratiebildner:innen und pädagogische Fachkräfte mit einem positiven Beispiel vorangehen. Sie müssen Akzeptanz vorleben und sichtbar fördern, sowie Räume schaffen, an denen wir respektvoll miteinander ins Gespräch kommen können. Zudem ist erforderlich, dass junge Menschen in ihrer Medienkompetenz unterstützt werden. Nur so sind sie in der Lage, sich ausreichend zu informieren und eine begründete Meinung zu bilden. 

DKJS: Wieso ist es aus deiner Sicht wichtig, auch schon mit Kindern und Jugendlichen über Politik, Beteiligung und Demokratie zu sprechen? 

Leonie Thomas: Die Demokratie ist kein Phänomen, das uns zu unserem 18. Geburtstag, pünktlich zur Wahlberechtigung, ereilt. Wir sind auch nicht an diesem Stichtag plötzlich bereit, uns in die Gesellschaft einzubringen, unsere Meinung kundzutun und zu verstehen, wie  funktioniert.  und Demokratie durchdringen unseren Alltag und jeden Lebensbereich, deshalb ist sie auch von Anfang an ein Teil der Welt, in der Kinder aufwachsen. 

„Politik und Demokratie durchdringen unseren Alltag und jeden Lebensbereich, deshalb ist sie auch von Anfang an ein Teil der Welt, in der Kinder aufwachsen.“

Leonie Thomas

Wir dürfen Themen wie Demokratie, und nicht als „zu kompliziert“ für Kinder abstempeln. Stattdessen müssen wir ihnen zutrauen, sich damit auseinanderzusetzen. Diese Themen sind sowieso Teil ihres Alltags: Auf dem Schulweg sehen Kinder Wahlplakate an Straßenlaternen hängen und machen sich dazu Gedanken. Auf Social Media sind junge Menschen mit einer Flut an Werbung, Nachrichten und Informationen konfrontiert. Sie hören im Radio von Umweltpolitik und sehen im Fernsehen, dass in der Ukraine Krieg herrscht. 

Und auch demokratische Entscheidungen finden nicht erst zur Bundestagswahl den Weg ins Leben von Kindern. Auch, wenn beim Abendessen diskutiert wird, wohin der nächste Familienurlaub geht, werden Entscheidungen getroffen. Kinder werden gefragt, was sie sich zum Mittagessen wünschen, es wird abgestimmt und verhandelt. So kommen sie schon im frühen Alter mit Demokratie in Berührung.

Dabei ist das demokratische Mitbestimmen nicht in jeder Familie gleich ausgeprägt. Umso wichtiger ist es, dass in Schulen Demokratie gelebt wird, damit jedes Kind diese Erfahrung machen kann. Außerdem braucht es einen Raum, um sich über die Eindrücke des Alltags auszutauschen und Hintergrundinformationen, um sie einzuordnen. Kinder und Jugendliche müssen also schon von klein auf an herangeführt werden – nicht erst im Politikunterricht ab der weiterführenden Schule, sondern vom ersten Schritt des Bildungsweges an.

Das kann klassisch über die Wahl von Klassensprecher:innen geschehen, aber auch in Form eines Schulparlaments oder durch demokratische Entscheidungsmethoden im Unterricht. Wichtig ist, dass Kinder so früh wie möglich lernen: Meine Meinung zählt! Ich gehöre dazu und deshalb darf ich mitbestimmen!

Wenn man schon in der Grundschule lernt, dass die eigene Meinung Gewicht hat und Reaktionen daraus resultieren, erlebt man Selbstwirksamkeit. Diese wiederum motiviert Kinder und Jugendliche, sich auch weiterhin einzubringen. Aber nicht nur das, lehrt uns ebenso, Verantwortung zu übernehmen, nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere. Und das ist es, was eine Demokratie ausmacht: Verantwortung zu übernehmen und mitzuhelfen, die Welt so zu gestalten, dass sie für alle lebenswert ist.

DKJS: Die befragten jungen Menschen habe sich euch geöffnet. Wie habt ihr sichere Räume für sie geschaffen? Was für Empfehlungen habt ihr hier? 

Leonie: Neben der Online-Befragung haben wir im letzten Jahr insgesamt sieben Ideenwerkstätten in zwei Städten durchgeführt. In diesem Rahmen sind wir mit Kindern, Jugendlichen und jungen Menschen ins Gespräch gekommen. Diese Ideenwerkstätten fanden in Grundschulen und weiterführenden Schulen statt. Ich denke, es ist wichtig, dass die Teilnehmenden sich an dem gewählten Ort wohlfühlen und vertraut mit ihm sind – deshalb haben wir die Ideenwerkstätten in den jeweiligen Schulen umgesetzt. 

Als Struktur der Veranstaltung haben wir einen dreistufigen Leitfaden genutzt und uns bei den Fragen daran orientiert. Dennoch war die Veranstaltung sehr offen und flexibel gestaltet. Es war die gesamte Zeit über möglich, tiefer in Themen einzutauchen und Schwerpunkte anders zu setzen. Die Teilnehmer:innen konnten jederzeit eine Pause einlegen oder aufhören. So haben wir sichergestellt, dass alle freiwillig und aus eigenem Interesse teilnehmen.

Zu der guten Atmosphäre hat auch beigetragen, dass wir keine übergeordnete Rolle eingenommen haben. Von Anfang an war klar, dass wir uns für die Belange der Kinder und Jugendlichen interessieren, uns für sie einsetzen wollen und ihnen zuhören. So konnten sie sich öffnen, ohne dass Erwartungen an sie gestellt wurden. Wir als Netzwerkmitglieder können die Belange der Kinder und Jugendlichen gut nachvollziehen, da sie uns oft ähnlich betreffen oder betroffen haben. So konnten wir ein tiefes Verständnis und einen Austausch auf Augenhöhe herstellen.

Gleiches gilt für unsere Online-Befragung: auch hier haben wir an der Entwicklung der Fragen mitgewirkt. So konnten wir eine Studie von Jugendlichen für Jugendliche machen. Natürlich beruht auch die Umfrage auf Freiwilligkeit. Keine Person musste etwas teilen, was sie nicht teilen wollte.

Vielen Dank für das Gespräch!

Seid ihr neugierig auf weitere Ergebnisse aus der Studie? Hier findet ihr den VoiceUp! Ergebnisbericht 2025https://voiceup-dkjs.de/wp-content/uploads/2026/03/VoiceUp_Ergebnisbericht_2025.pdf  der Online-Befragung.

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