Mitgedacht, aber nicht beteiligt? Ein Deep Dive zur Rentenreform aus junger Perspektive
Schon seit Jahren ist der demografische Wandel absehbar und schon seit Jahren steht die Rentenpolitik vor der Herausforderung, mit steigenden Zahlen an Rentner:innen und geburtenschwächeren Jahrgängen umzugehen.
Nicht selten wird dieser Konflikt dargestellt, als stünde Jung gegen Alt. Die Jungen wollen die Rente der Alten nicht tragen, wenn ungewiss ist, wie viel Rente sie einmal erhalten werden, die Alten fordern ihre jahrelang eingezahlten Beiträge in Form einer verdienten Rente ein. Letztendlich sind beide Parteien daran interessiert, vom selbst verdienten Geld leben zu können – Beitragszahlende von ihrem Lohn, Rentner:innen von ihrer Rente. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob Jung gegen Alt steht, sondern wie ein Rentensystem gestaltet werden kann, das langfristig tragfähig und gerecht ist.
Doch die Rentenpolitik steht nicht nur vor der Herausforderung der geburtsstarken Jahrgänge im Ruhestand, sie muss auch mit der immer weiter steigenden Lebenserwartung umgehen.
Um sich diesen Herausforderungen zu stellen, hat die Alterssicherungskommission 33 Vorschläge erarbeitet, die eine verlässliche Absicherung im Alter gewährleisten sollen, ohne Beitragszahlende dauerhaft zu überfordern. Die Vorschläge werden sich sowohl auf (angehende) Rentner:innen auswirken, aber auch das Erwerbsleben junger Menschen maßgeblich prägen. Was bedeuten diese Pläne für junge Menschen? Wurden ihre Perspektiven bei der Entwicklung der Reform überhaupt berücksichtigt?
Zusammensetzung der Kommission: Die Perspektive junger Menschen fehlt
Gerade beim Thema gesetzliche Rentenversicherung ist es wichtig, dass die Kommission so breit wie möglich aufgestellt ist. Sowohl die Stimmen älterer Generationen müssen gehört werden, aber auch die Perspektiven der Jüngeren müssen einbezogen werden, damit der „Generationenvertrag“ nicht zu einer Last wird, die allein von ihnen getragen wird.
Die schlechte Nachricht: unter 40 Jahren hat es niemand in die Alterssicherungskommission geschafft. Das Durchschnittsalter liegt bei gut 58 Jahren und ist damit deutlich über dem Durchschnittsalter in Deutschland, das aktuell bei etwa 45 Jahren liegt. Viele junge Menschen dürfte diese Zahl nicht überraschen, werden sie doch oft noch immer nicht in politische Angelegenheiten einbezogen, die sie betreffen.
Doch wenn Entscheidungen getroffen werden, die über 50 Jahre lang wirken sollen, müssen auch diejenigen am Tisch sitzen, die diese Zukunft gestalten und finanzieren werden. Jugendbeteiligung darf bei Themen wie der Rentenreform keine „Option“ sein. Sie ist unbedingt erforderlich! Wenn junge Menschen das Gefühl bekommen, dass über sie, statt mit ihnen gemacht wird, schwächt das ihr Vertrauen in demokratische Prozesse. Wer das Gefühl hat, dass über den eigenen Kopf hinweg entschieden wird, ohne mitbestimmen zu dürfen, wendet sich im schlimmsten Fall von der ab.
Die Alterssicherungskommission nennt in ihrer Danksagung zwar zahlreiche Sachverständige, Verbände, Wohlfahrtsorganisationen und Bürger:innen, die Impulse und Denkanstöße für die Kommission geliefert haben, inwieweit dabei allerdings Perspektiven von jungen Menschen einbezogen wurden, bleibt offen. Und das, obwohl sie die Auswirkungen der Reformvorschläge am längsten tragen werden. Was sind die Vorschläge und wie wirken sie sich auf das Leben junger Menschen aus?
Frühstart-Rente: Altersvorsorge ab dem Kindesalter?
Blickt man auf sehr junge Menschen, betrifft sie vor allem die sogenannte „Frühstart-Rente“. Diese soll Eltern monatlich einen Geldbetrag von 10€ bereitstellen, der in ein Vorsorgedepot investiert werden muss. Sollten die Eltern nicht in der Lage sein, das Geld anzulegen, übernimmt diese Aufgabe die Bundesbank. Zum achtzehnten Geburtstag hat jedes Kind somit 1.440€ auf seinem Vorsorgedepot, plus Renditen. Dieser Betrag ist jedoch gebunden an ein Vorsorgedepot, kann also nicht einfach ausgezahlt werden. Es wird vorgeschlagen, das angelegte Guthaben mit 18 Jahren direkt in die neue gesetzliche Kapitalrente zu überführen, solang es nicht für ein privates Altersvorsorgedepot genutzt wird. Für Kinder ändert sich also nur eines: Sie starten ins Berufsleben im Optimalfall bereits mit einem kleinen Betrag einer privaten Altersvorsorge.
Wen dieser Vorschlag viel stärker betrifft, sind die Eltern. Sie werden vom Staat beauftragt, dieses Geld sinnvoll anzulegen. Gerade für Familien, die durch Hürden wie geringes Einkommen oder der Pflege von Familienangehörigen wenig Kapazitäten haben, sich um Geldanlagen Gedanken zu machen, stellt dieser Vorschlag eine zusätzliche Belastung dar. Das Angebot, dass dieses Geld bei Bedarf von der Bundesbank verwaltet wird, schafft Ungleichheiten: Eltern, die bereits mehr Wissen zum Thema Geldanlage haben, können gegebenenfalls mehr Rendite für ihre Kinder erwirtschaften.
Für den Staat ist die Frühstart-Rente übrigens ein eher kleineres Förderprogramm mit bescheidenen Investitionen. Im Endausbau wird die Frühstart-Rente jährlich rund 1,1 Milliarden Euro kosten – allein das Kindergeld kostet rund das Fünfzigfache.
Mehr Finanzbildung
Parallel dazu soll eine lebensbegleitende Finanzbildungsstrategie Kinder und Jugendliche in ihren Kompetenzen im Umgang mit finanziellen Ressourcen stärken und sie frühzeitig auf eine eigenständige Altersvorsorgeplanung vorbereiten. Wie genau diese Pläne umgesetzt werden, steht noch nicht fest.
Abschaffung des Sonderstatus von Minijobs
Eine der Empfehlungen lautet, den steuer- und sozialversicherungsfreien Status von Minijobs abzuschaffen (mit Ausnahme von Schüler:innen). Darunter leiden vor allem junge Menschen, die neben Ausbildung oder Studium Geld verdienen wollen. Eine Abschaffung des Sonderstatus würde bedeuten, dass Minijobber:innen die regulären 9,3% Rentenversicherungsbeiträge ihres Bruttolohnes zahlen müssten. Bei einem monatlichen Verdienst von 603€ wären das rund 56€. Allerdings würden sie damit auch einen regulären Rentenanspruch aufbauen. Konkret beschlossen ist dieser Vorschlag noch nicht – die finale Entscheidung soll im Herbst 2026 fallen.
Hier offenbart sich ein Widerspruch: Auf der einen Seite sollen junge Menschen durch Finanzbildung und die Frühstart-Rente schon früh mit Geldinvestitionen und privater Altersvorsorge in Berührung kommen. Auf der anderen Seite wird der Betrag an Geld, der zu einer Investition zur Verfügung steht, immer geringer – durch die Abschaffung des steuerfreien Status der Minijobs und durch die Einführung einer gesetzlichen Kapitalrente. Die Konsequenz: Gute Finanzkompetenz nützt jungen Menschen wenig, wenn ihnen das Geld fehlt, das Gelernte umzusetzen. Wer am Monatsende jeden Euro zweimal umdrehen muss, kann ihn nicht investieren. So bleibt die Frühstart-Rente eine symbolische Geste, während das reale Einkommen junger Menschen sinkt.
Die neue gesetzliche Kapitalrente
Mit der Einführung der gesetzlichen Kapitalrente geht einher, dass zukünftig Beitragszahlende zusätzlich 1% ihres Einkommens in ein Kapitalkonto investieren, welches zentral verwaltet und am Kapitalmarkt angelegt wird. Ziel ist es, dass diese Kapitalrente durch ihre Erträge das Rentenniveau sichert und ansteigen lässt. Dieser Vorschlag geht allerdings auch mit Risiken einher: Sollten die erwarteten Erträge ausbleiben, so erhöht sich die Gefahr der Altersarmut.
Auswirkungen des Reformpakets auf die Zukunft junger Menschen
Die Rentenkommission setzt verstärkt auf Prävention. Das Motto lautet „Prävention vor Reha vor Rente“. So soll durch geeignete Maßnahmen vorgebeugt werden, dass Arbeitnehmende früher in den Ruhestand gehen müssen.
Außerdem wird gefordert, die Altersgrenzen für den Rentenanstieg bei weiterem Anstieg der Lebenserwartung anzupassen. Laut aktueller Berechnung müssten im Jahr 2004 Geborene bis zum 69. Lebensjahr arbeiten. Es mag zwar sein, dass ein Soziologie-Professor bis in seine 70er dozieren kann. Niemand kann allerdings von einer Dachdeckerin erwarten, dass sie mit fast 70 Jahren noch auf Dächer steigt und ihren Beruf wie gehabt ausübt.
Diejenigen, die aufgrund von gesundheitlichen Einschränkungen nicht mehr arbeiten können, sollen dann durch Härtefallregelungen aufgefangen werden. Dies wird die einzige Möglichkeit sein, ohne Abschläge vorzeitig in Rente zu gehen.
Unter dem Strich: Das Reformpaket auf einen Blick
Summa summarum bedeuten die Vorschläge der Alterssicherungskommission also Folgendes: jungen Menschen soll ein Teil der Last von den Schultern genommen werden, dennoch zahlen sie zukünftig mehr. Von diesem Geld wird die gesetzliche Kapitalrente finanziert, die im Optimalfall das zukünftige Rentenniveau erst stabilisiert, dann anhebt – und im schlimmsten Fall zu einer Verringerung der Renten führt. Schon von klein auf sollen Kinder und Jugendliche mit dem Thema Finanzen vertraut werden und bekommen eine sogenannte Frühstarter-Rente. Sie müssen darauf vertrauen, dass ihre Eltern oder die Bundesbank dieses Geld sinnvoll anlegen und verwalten, soll es doch die Grundlage ihrer privaten Altersvorsorge bilden. Junge Minijobber:innen stellen sich darauf ein, dass sie Rentenbeträge auch in ihren Minijobs zahlen müssen und ihnen so am Ende des Monats weniger ihres verdienten Gehalts zur Verfügung steht. Durch Gesundheits-Checks, Prävention und Reha sollen sie so lang wie möglich in der Lage sein, weiterzuarbeiten – wesentlich länger als ihre Eltern und Großeltern. Und sie hoffen darauf, dass die Erträge der Kapitalrente und die demografischen Entwicklungen dafür sorgen, dass sie sicher von ihrer Rente leben können.
Mein Fazit zur Rentenreform: An Lebenswirklichkeiten vorbei
Letztendlich ist eines sicher: Es steht nicht Jung gegen Alt, wenn es um die Rente geht. Es ist ein Trugschluss, dass junge Menschen weniger Rentenbeiträge bezahlen wollen und ihnen egal ist, wie ihre Großelterngeneration damit umgeht. Vielmehr sitzen wir alle in einem Boot: Ich will nicht, dass meine Eltern oder Großeltern durch eine Rentenreform in finanzielle Not geraten. Genauso wollen weder meine Eltern noch meine Großeltern, dass mir durch eine Erhöhung der Rentenbeträge nicht ausreichend finanzielle Möglichkeiten bleiben. Der entscheidende Punkt ist, dass das Dilemma des Generationenvertrags nicht auf den Schultern einer einzigen Generation lasten darf. Das wurde in diesen Vorschlägen versucht umzusetzen.
Wichtig ist aber auch, dass nicht bestimmte gesellschaftliche Gruppen allein die Auswirkungen dieser Reformvorschläge tragen. Die Vorschläge der Rentenkommission dürfen nicht nur auf das Konto der gutverdienenden, gesunden Menschen mit durchgehender Erwerbstätigkeit einzahlen. Sie müssen auch diejenigen beachten, die durch Care-Arbeit, Krankheit oder Behinderung, finanzielle Ausgangslage oder sozioökonomischen Status benachteiligt sind und dürfen ihnen keine zusätzliche Last aufbürden. Anderenfalls wäre eine Rentenreform zwar finanzmathematisch nachvollziehbar, aber weder sozial noch gesundheitlich nachhaltig.
Um die Worte des ver.di-Vorsitzenden Frank Wernke zu nutzen: „Trotz mancher guten Vorschläge – im Kern gehen die Pläne der Alterssicherungskommission der Bundesregierung an der Lebenswirklichkeit der arbeitenden Menschen vorbei.“ Um diesem Fehler zu vermeiden, hilft es, Betroffene an den Tisch zu holen und gemeinsam nachzudenken – mit ihnen, statt über sie.
Demokratie braucht Beteiligung
Die Rentenfrage zeigt beispielhaft, warum demokratische wichtig ist. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sind keine zukünftigen Betroffenen, sondern bereits heute Teil der Gesellschaft. Politische Entscheidungen prägen ihre Bildungswege, ihre Arbeitswelt und ihre finanzielle Zukunft. Umso wichtiger ist es, dass sie in diese einbezogen werden.
Praxistipp: Die Rentenreform als Anlass, um über Gerechtigkeit zu sprechen
Ist es fair, dass junge Menschen für die Rente älterer aufkommen? Wie gerecht ist es, dass einige Rentner:innen mehr, andere weniger Rente bekommen, abhängig davon, wie viel sie im Arbeitsleben verdient haben? Die Vorschläge der Rentenkommission können als guter Anlass genommen werden, um mit Kindern und Jugendlichen über Gerechtigkeit zu sprechen. Ein gutes Material dazu findet ihr hierhttps://www.reflexionstool-demokratiebildung.de/materialien/praxismaterial-gerechtigkeit-was-ist-gerechtigkeit?returnTo=%2Fmaterialien%3Fsuche%3Dgerechtigkeit in unserer Materialsammlung.