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„Die Themen sind so vielfältig und bunt wie die jungen Menschen selbst“: Im Gespräch mit dem Kinder- und Jugendbeteiligungsbüro Marzahn-Hellersdorf

Interviews & Perspektiven • 10.08.2026
Ein Foto des Teams des KJB. Vier Personen stehen vor einem Gebäude.
Das Team des Kinder- und Jugendbeteiligungsbüros Marzahn-Hellersdorf. 

Wie werden Entscheidungen eigentlich gerecht getroffen? Geht das überhaupt? 

Ich durfte kürzlich beim Kinder- und Jugendbeteiligungsbüro Marzahn-Hellersdorf, Berlin, hospitieren. An dem Nachmittag stand eine Sitzung der Jugendjury an: Elf Jugendgruppen hatten Geld für eigene Projekte und Aktionen beantragt und trafen sich, um sich die Projekte gegenseitig vorzustellen und gemeinsam eine Lösung zu finden, wie die zur Verfügung stehenden Gelder verteilt werden. Gar nicht so einfach! Gemeinsam wurde diskutiert, Entscheidungen getroffen und dann wieder verworfen. Am Ende war es vollbracht: Die Jugendlichen fanden eine Lösung und alle Projekte bekamen eine Förderung. Begleitet wird die Jugendjury seit einigen Jahren durch das Kinder- und Jugendbeteiligungsbüro. Das Büro setzt sich ein für und Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen. Ich spreche mit Caro, Moira, Laura und Irene vom Kinder- und Jugendbeteiligungsbüro über ihre Arbeit, über Dönerpreise und

DKJS: Was macht ihr als Kinder- und Jugendbeteiligungsbüro? 

Caro, Moira, Laura und Irene: Wir - das Kinder- und Jugendbeteiligungsbüro Marzahn-Hellersdorf, ein des Humanistischen Verbands Berlin-Brandenburg - sind Ansprechpartner:innen für alle großen und kleinen Leute, wenn es um und Mitbestimmung im Berliner Großbezirk Marzahn-Hellersdorf geht. Unsere Schwerpunkte sind , politische Bildung und Partizipation. Dabei setzen wir uns als Lobbyist:innen für die Sichtweisen und Anliegen junger Menschen ein sowie empowern diese, sich selbst für ihre Interessen stark zu machen.

DKJS: Ihr setzt ganz unterschiedliche Angebote für die Kinder und Jugendlichen in eurem Bezirk um – von den Kinder- und Jugendjurys, U18-Wahlen über das Kinder- und Jugendparlament. Welche Themen beschäftigen die jungen Menschen, mit denen ihr zusammenarbeitet, (aktuell) besonders?

Caro, Moira, Laura und Irene: Die Themen sind so vielfältig und bunt wie die jungen Menschen selbst. Dies ist ein Ausschnitt:

  • Dönerpreise bzw. gestiegene Preise von Lebensmitteln und Freizeitangeboten
  • Umwelt- und Klimaschutz
  • Gewalt und Mobbing (von rechten und rechtsextremen Gruppen)
  • Social Media und der sichere Zugang dazu
  • Mobilität: sichere Fahrradwege und gute ÖPNV-Taktung
  • saubere Schultoiletten
  • Mitspracherechte von jungen Menschen in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV)
  • coole und gesicherte Jugendorte fehlen

DKJS: Beim Kinder- und Jugendparlament wird Demokratie ja wirklich erlebbar. Was sind eure Erfahrungen – wann funktioniert ein KiJuPa gut und wie gelingt es, die Forderungen und Interessen der jungen Menschen wirklich umzusetzen? Vor welchen Herausforderungen steht ihr?

Caro, Moira, Laura und Irene: Es braucht zunächst engagierte und motivierte Kinder und Jugendliche. Zugleich kann ein Kinder- und Jugendparlament (KiJuPa) nur dann erfolgreich arbeiten, wenn ein breites Netzwerk unterschiedlicher Akteur*innen zusammenwirkt. Eine zentrale Rolle spielen dabei Kommunalpolitiker:innen, die sich sowohl innerhalb als auch außerhalb ihrer Fraktionen für die Anliegen einsetzen sowie eine unterstützende und wohlwollende Verwaltung. Darüber hinaus sind Multiplikator:innen wie Fachkräfte und Eltern entscheidend, die junge Menschen für ein Engagement im KiJuPa gewinnen und sie auf diesem Weg begleiten. Nicht zuletzt sind eine verlässliche finanzielle Ausstattung sowie eine kontinuierliche, ermöglichende pädagogische Begleitung unerlässlich.

Herausforderungen ergeben sich vor allem durch eine hohe Fluktuation sowie durch die vielfältigen Belastungen, mit denen junge Menschen konfrontiert sind – etwa im Bereich der mentalen Gesundheit oder durch alltägliche Problemlagen. Zwar besteht grundsätzlich ein hohes Interesse an politischem Engagement, doch die multiplen Krisen unserer Zeit belasten die jungen Menschen und erschweren ihr Engagement. Zusätzlich wird die Arbeit des Gremiums erschwert, wenn zentrale Rahmenbedingungen fehlen. Dazu zählen insbesondere langwierige, teilweise adultistisch geprägte Entscheidungsprozesse sowie eine stark bürokratische, wenig zugängliche erwachsene Sprache. Auch strukturelle Faktoren spielen eine Rolle: die Größe des Bezirks und die große Altersspanne der Mitglieder – von 8 bis 22 Jahren – bringen unterschiedliche Bedürfnisse und Voraussetzungen mit sich, die berücksichtigt werden müssen.

DKJS: Welche Haltung ist wichtig, wenn man mit Kindern und Jugendlichen zusammenarbeitet? Wie gelingt es euch, Macht abzugeben und auf die Interessen und Wünsche der jungen Menschen einzugehen?

Caro, Moira, Laura und Irene: Eine wertschätzende Haltung auf Augenhöhe ist zentral, denn Kinder und Jugendliche sind Expert:innen ihrer eigenen Lebenswelt. Das bedeutet auch, eigene Vorstellungen in bestimmten Prozessen bewusst zurückzustellen und ergebnisoffen zu bleiben. Für die Arbeit im Kinder- und Jugendparlament ist insbesondere eine tragfähige Beziehungsarbeit von großer Bedeutung.

„Eine wertschätzende Haltung auf Augenhöhe ist zentral, denn Kinder und Jugendliche sind Expert:innen ihrer eigenen Lebenswelt. Das bedeutet auch, eigene Vorstellungen in bestimmten Prozessen bewusst zurückzustellen und ergebnisoffen zu bleiben.“

 

Um transparente zu gewährleisten, versuchen wir möglichst transparent die Beteiligungsmöglichkeiten und zu erwartenden Veränderungsoptionen kontinuierlich im Prozess zu erklären. Wenn Frust über Entscheidungen aufkommt, nehmen wir diesen ernst und schauen gemeinsam, an wen man den Frust richten kann und was man daraus gemeinsam erarbeiten kann: Organisieren wir gemeinsam eine Demo oder stellen wir eine Anfrage in der BVV? Beispielsweise hat der Neubau eines Skateplatzes sehr lange gedauert und wir haben die jugendlichen Skater:innen immer wieder eingeladen und ins Gespräch mit Politiker:innen und Verwaltung gebracht.

Es gibt Situationen, in denen wir unsere eigene Haltung bewusst zurückstellen und den Kindern und Jugendlichen ermöglichen, eigene Erfahrungen zu machen und zu beobachten, was daraus entsteht. So wollten Jugendliche bei einer gemeinsam gestalteten Veranstaltung Angebote vorbereiten, die wir zunächst als wenig sinnvoll eingeschätzt haben. Da sie jedoch große Motivation für die Umsetzung zeigten, haben wir ihnen den Raum gegeben, ihre Ideen auszuprobieren. Im Anschluss haben wir gemeinsam reflektiert, warum das Angebot nicht wie erhofft angenommen wurde.

Bei Ideen, die aus pädagogischer Sicht nicht vertretbar sind, gehen wir mit den Kindern und Jugendlichen ins Gespräch, um zu verstehen, was dahintersteckt, und gemeinsam nach einer tragfähigen Alternative zu suchen.

DKJS: Ihr arbeitet in vielen Kooperationen, z.B. mit Schulen und außerschulischen Stätten, dem Bezirksamt und der Kommunalpolitik. Was ist aus eurer Sicht wichtig für eine erfolgreiche Kooperationskultur? 

Caro, Moira, Laura und Irene: Für uns sind besonders eine persönliche Ansprache, ein regelmäßiger Austausch, ein gemeinsames Ziel und Verlässlichkeit die Basis. Dazu gehören auch eine offene Feedbackkultur und ein wertschätzender Umgang mit Fehlern. Wichtig ist außerdem verschiedene Kommunikationswege zu nutzen, um alle gut zu erreichen. Oftmals nutzen wir dabei auch die persönlichen Kontakte und Netzwerke der jungen Menschen. Unterschiede wollen wir dabei als Chance sehen, voneinander zu lernen. Gleichzeitig braucht es Räume für Treffen vor Ort, in denen auch informeller Austausch möglich ist.

DKJS: Was möchtet ihr pädagogischen Fachkräften und Lehrkräften gerne mitgeben? 

Caro, Moira, Laura und Irene: ist ein Prozess, in dem alle Beteiligten voneinander lernen können. Er muss nicht von Anfang an perfekt sein, sondern entwickelt sich durch die vielfältigen Perspektiven aller stetig weiter. Dafür braucht es Zeit, Geduld, ausreichende Ressourcen und Erwachsene, die jungen Menschen zugewandt sind. Pädagogische Fachkräfte leisten mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag und legen damit zentrale Grundlagen für unsere demokratische Gesellschaft.

Wir finden, dass dieses Sprichwort unsere Arbeit ebenfalls ganz gut zusammenfasst: 

„Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern“.

Vielen Dank für das Interview!

Autor:in

Name Autor:in

Janice Fuchs

Janice Fuchs ist für fachliche und inhaltliche Prozesse zuständig. Sie ist im Team bekannt für ihre effiziente Arbeitsweise und ihre Liebe zu Blumen. 

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