Wer bestimmt über unsere Zeit? Was „Lifestyle-Teilzeit“ mit Demokratiebildung zu tun hat
Zeit ist eine zentrale Ressource unserer Gesellschaft: Wer über Zeit verfügt, kann teilhaben, mitreden oder sich erholen. Und für Kinder gilt zusätzlich das Recht auf Ruhe, Freizeit, Spiel und kulturelle Teilhabe laut Art. 31 UN‑Kinderrechtskonvention – ein Recht, das im Takt der Erwachsenen oft untergeht. Während in der Bundespolitik also aktuell darüber diskutiert wird, ob zukünftig das Recht auf Teilzeit-Arbeit abgeschafft werden soll, lohnt sich ein Blick darauf, warum auch für Schulkinder die Frage relevant ist, wie sie über ihre Zeit bestimmen können.
Das Recht auf freie Zeit und Spiel ist ein besonderes Recht für Kinder, das es für Erwachsene nicht gibt. Es ist wichtig, dass Kinder ausreichend Zeit und Möglichkeiten haben, selbstbestimmt Freizeitaktivitäten nachzugehen, um die gesunde körperliche, geistige und soziale Entwicklung zu fördern. Es ermöglicht das Erlernen von Selbstbestimmung, Kompromissfähigkeit, Regelverständnis und kreativem Denken. All das sind Kompetenzen, die für eine aktive Teilhabe und mündige Bürger:innen in einer demokratischen Gesellschaft unerlässlich sind. Für Erwachsene bedeutet das auch, verlässliche Beziehungen und Zeit für gemeinsame Erfahrungen zu schaffen, Kinder und ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen und ihnen zuzuhören.
Die Journalistin Teresa Bücker zeigt in ihrem Sachbuch „Alle Zeit“ (2022)https://teresabuecker.de/, dass Zeitgerechtigkeit ebenso grundlegend ist wie Geld‑ oder Bildungsgerechtigkeit: Wer seine Zeit frei gestalten kann, hat mehr Freiheit, Macht und Einfluss. Ihre Leitidee einer neuen Zeitkultur macht Sorgearbeit sichtbar, öffnet Räume für Engagement und nimmt Zeitarmut und die ungerechte Verteilung von Zeit als demokratisches Problem ernst.
Sie versteht gute Zeitpolitik als Care‑Politik, also sich um das Wohlergehen aller zu kümmern („Caring Democracy“). Entscheidungen sollten systematisch auf ihre Zeitfolgen geprüft werden: für Familien, Lehrkräfte, Ehrenamt sowie Kinder und Jugendliche. Wer Care ins Zentrum rückt, stärkt Beteiligung und Vertrauen. Wenn wir uns Zeit in Zusammenhang mit jungen Menschen anschauen, fällt auf: Stundenpläne, Öffnungszeiten und Wegezeiten orientieren sich oft am Alltag der Erwachsenen. Kinderzeit hat selten einen gleichberechtigten Platz.
Demokratiebildung fragt deshalb: Wer bestimmt über meine Zeit? Wie fühlt sich Warten, Hetzen, Ausgebremst‑Werden an? Und welche Mitbestimmungsrechte brauchen Kinder für Pausen, Hausaufgabenrhythmen, Erholungsphasen? So werden Zeitfragen im Sinne Bückers zu Gerechtigkeitsfragen.
Reflexionsfragen mit Kindern:
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Welche Zeiten am Tag gehören dir allein und warum?
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Wann fühlst du dich gehetzt? Wann hast du genug Zeit?
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Wer bestimmt über deine Zeit in der Schule? Wer zu Hause?
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Wie könnte die Klasse dafür sorgen, dass niemand zu wenig Pausenzeit hat?
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Was bedeutet es, wenn Erwachsene sagen „Dafür haben wir jetzt keine Zeit“?
Praxismethoden:
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Care‑Check: Haben alle genug Zeit zum Ankommen, Erholen und Mitreden? Welche Maßnahmen brauchen wir dafür? Ein Wochenstrahl wird aufgehängt und Kinder kleben farbige Post‑Its: Hier fühle ich mich gestresst. Hier habe ich echte freie Zeit. Hier hätte ich gern mehr Mitbestimmung.
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Zeitlupen-Experiment: Eine Stunde lang wird eine Aktivität verlangsamt. Die Kinder reden, basteln oder gehen bewusst langsamer. Danach kommt die Gruppe in den Austausch: Wie hat sich das angefühlt? Was passiert, wenn wir weniger Druck haben? Wie verändert das unser Miteinander?
Die aktuelle Arbeitszeit‑Debatte macht sichtbar: Zeitgestaltung ist Demokratiegestaltung. Wer Kindern und Jugendlichen echte Zeit‑Rechte zum Lernen, Ausruhen, Mitreden und Mitgestalten gibt, stärkt Teilhabe und Vertrauen in demokratische Verfahren. Genau dort beginnt eine neue Zeitkultur.