Durch eine komplexe Welt navigieren als demokratische Kompetenz
Wir leben in einer Zeit, in der Krisen der Normalzustand sind und kein vorübergehendes Problem darstellen. Klimakrise, Demokratiekrise, Digitalität und viele weitere Baustellen beschreiben Herausforderungen unserer sich ständig, schnell und grundlegend wandelnden Welt, die sich nicht getrennt angehen lassen. Wer nicht gelernt hat, hier mit Mehrdeutigkeit, Widersprüchen oder Unbestimmtheit - sprich mit Ambiguität - umzugehen, sucht einfache Antworten und findet sie in Narrativen des Populismus, der Feindbilder und des Schwarz-Weiß-Denkens. Das ist kein Zufall, sondern ein Befund (Frenkel-Brunswik, 1949; Adorno et al., 1950, s. Fußnote). Was es zur Bildungsaufgabe macht. Besonders in der Arbeit mit jungen Menschen.
ACES (Ambiguity Competence for Education and Society)https://aces-project.eu/ ist ein Erasmus+-, bei dem ich als Referent für mitwirke und das Schulen dabei unterstützt, junge Menschen auf eine Welt vorzubereiten, die von Unsicherheit, Komplexität und unterschiedlichen Perspektiven geprägt ist. Hier wurde kürzlich herausgearbeitet, dass der Umgang mit Ambiguität (Ambiguitätstoleranz) gefördert werden kann, indem Ambiguitätskompetenz erworben wird.
- Erkennen, dass eine Situation mehrere berechtigte Deutungen hat und das auszuhalten, ohne schnell eine davon wegzudiskutieren.
- Die Perspektive anderer wirklich einnehmen und verstehen, warum sie dieselbe Lage anders erleben.
- Den eigenen Standpunkt kennen und hinterfragen.
- Bei echten Wertekonflikten eigenständig urteilen, ohne andere Positionen zu entwerten.
- Trotzdem handeln, auch wenn die Unklarheit bleibt. Und offen bleiben, die eigene Entscheidung zu überdenken.
Daran zu arbeiten ist auch deshalb notwendig, weil eine geringe Ambiguitätstoleranz nachweislich mit autoritären Einstellungen zusammenhängt. Jedoch braucht dieser pädagogische Auftrag eine Herangehensweise, die sich von der klassischen Bildungsarbeit, die auf Klarheit und Eindeutigkeit ausgerichtet ist, unterscheidet. Wenn junge Menschen ausschließlich mit richtigen Antworten, lösbaren Aufgaben und eindeutigen Ergebnissen arbeiten, werden sie auf eine Welt vorbereitet, die es so nicht gibt. Ein zentraler Ansatz der Bildungsarbeit muss es deshalb sein, Komplexität nicht wegzuerklären, sondern junge Menschen darin zu begleiten. Dass sie lernen Widersprüche wahrzunehmen, auszuhalten und trotzdem urteils- und handlungsfähig zu bleiben.
Das gelingt nicht mit einer einzelnen Methode allein, sondern braucht eine andere Haltung bzw. Kultur, weshalb das eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung und Aufgabe ist, die strukturelle Veränderungen benötigt. Da junge Menschen noch in der Phase sind, in der sich ihr Selbst- und Weltbild wesentlich formen, ist es besonders günstig und wichtig dort anzusetzen.
Aber was heißt das konkret?
5 Tipps wie du als Lehrkraft Ambiguitätstoleranz fördern kannst – auch bei dir selbst
Hier sind fünf Tipps, die Ambiguitätstoleranz fördern können, sich für die Praxis anbieten und auf dem Grundprinzip beruhen, Offenheit nicht aufzulösen, sondern auszuhalten und Neugier zu wecken.
Ambiguitätstoleranz ist nicht nur eine stabile Persönlichkeitseigenschaft, sondern auch eine lernbare, entwickelbare Kompetenz. Und zwar durch wiederholtes Erleben, dass Uneindeutigkeit aushaltbar ist, durch begleitete Situationen, in denen junge Menschen lernen zu deuten, abzuwägen und trotzdem zu handeln. Was sich dabei über Zeit festigt, sind Haltung und Bereitschaft, in einer komplexen Welt nicht nach Vereinfachung zu greifen und in ihr zu denken und zu wirken.
Fußnote:
Der Zusammenhang zwischen geringer Ambiguitätstoleranz und autoritären Einstellungen ist empirisch gut belegt. Grundlegend: Frenkel-Brunswik, E. (1949). Intolerance of ambiguity as an emotional and perceptual personality variable. Journal of Personality, 18(1), 108–143; sowie Adorno, T. W. et al. (1950). The Authoritarian Personality. Harper & Brothers.