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Beziehungsarbeit ist die Basis für alles!

Impulse für die Praxis • 24.06.2026
Foto von Lea Schönborn vor blauem Hintergrund. Schriftzug: Gastautorin Lea Schönborn.
© Philipp Sipos

Ich war vergangene Woche zu Besuch an der Quinoa-Schulehttps://www.quinoa-bildung.de/ in Berlin. Die Schule ist eine Vorzeigeschule: Sie befindet sich in sozial herausfordernder Lage und trotzdem liegt die Abschlussquote laut des Wirkungsberichts der Schule bei 100 Prozent. Es wurden schon viele Berichte über die Schule geschrieben, kürzlich hat Fatma Kan, eine Lehrerin der Schule, den Deutschen Lehrkräftepreis gewonnen. Dafür haben sie ihre eigenen Schüler:innen nominiert.

Aber was macht die Schule und Fatma Kan so besonders? Es sind mehrere Faktoren, die ineinander greifen. Einen Aspekt fand ich besonders spannend. Auch, weil er mir bereits bei einer anderen Schule aufgefallen war, die ich vergangenes Jahr besucht habe. Die Anne-Frank-Gesamtschulehttps://wir-sind-anne.de/ in Duisburg in ähnlich herausfordernder Lage. Und auch dort stand Beziehungsarbeit im Vordergrund. 

Die Priorisierung der Beziehungsarbeit der beiden Schulen zeigt sich auf vielen Ebenen: auf der Schulebene, der Klassenraum-Ebene und der individuellen Beziehungsebene zwischen Kindern und Lehrkräften.

Die Duisburger Anne-Frank-Gesamtschule und die Quinoa-Schule im Berliner Wedding bieten zum Beispiel beide Mittagessen an. Jeden Mittag sitzen Kinder und Erwachsene gemeinsam an einem Tisch und essen. Als ich in Duisburg zu Besuch war, wurde über Nudeln und Salat über alles Mögliche geredet: darüber, welche Schimpfwörter sagbar sind und welche eher nicht. Fast alle, die an diesen beiden Schulen arbeiten, sind den Kindern zugewandt. Die Kinder merken das. Wenn sie an den Lehrkräften vorbeirennen, wollen sie ein High Five. Oder eine Umarmung.

Und das hat Auswirkungen. Kinder, die sich wohlfühlen, sind besser in der Schule. Klingt einfach, ist aber nicht der Alltag an deutschen Schulen. Laut dem Deutschen Schulbarometerhttps://www.bosch-stiftung.de/sites/default/files/documents/2024-11/Deutsches%20Schulbarometer_Sch%C3%BCler_2024.pdf, für das über 1.500 Schüler:innen befragt wurden, fühlen sich 20 Prozent in ihrer Schule nicht wohl. Bei Kindern aus einkommensschwachen Familien ist es fast jedes dritte. Auf die Frage, was ihnen an der Schule gefällt, nannte ein Viertel die Mitschüler:innen, an zweiter Stelle schon die Lehrkräfte.

Studien zeigen auch: Je mehr wertschätzende Beziehungen Kinder mit Erwachsenen haben, desto optimistischer sind sie, desto höher ist ihr Selbstwertgefühl und desto wohler fühlen sie sich. Und all das wirkt sich auch auf die Leistung in der Schule aus.

Fatma Kan, die den Lehrkräftepreis gewonnen hat, hat das Ernstnehmen der Schüler:innen perfektioniert. In diesem Youtube-Videohttps://www.youtube.com/watch?v=BfQAsWS8zsA erklärt sie, wie sie das macht. Es ist nämlich einerseits eine Haltungsfrage, aber es gibt auch Methoden, wie man diese Haltung rüberbringt:

  • wirklich alle sehen: “Ich finde es wichtig, jeden zu sehen, auch wenn es 30 Schüler in der Klasse sind. Dann muss man den Blick so richten, dass man wirklich alle 30 wahrnimmt.”
  • Loben und Bezug nennen: “Ich spreche Namen immer direkt an, ich lobe im Unterricht, und nehme Bezug auf die eine oder andere Person. Wenn ich eine Unterrichtsidee habe, sage ich dann zum Beispiel, Mahmoud hat das in der letzten Stunde angesprochen und mich auf eine Idee gebracht. Dann hat dieser Schüler in dieser Sekunde die Wertschätzung, ah, meine Lehrerin hat mir auch letzte Stunde zugehört und hat diese Gedanken mitgenommen. Das merkt nicht nur Mahmoud, das merkt die Klasse.”
  • Wertschätzung durch Anerkennung der Tagesform: “Wenn zum Beispiel jemand mal einen schlechten Tag hat, kommentiere ich das. Ich sag dann: “Ich glaube, Karim hat heute einen schlechten Tag, dich nehme ich heute mal nicht dran.” Ich sag das laut, um zu zeigen, dass ich sehe, dass er sich dieses Mal nicht meldet, dass er es aber sonst macht.”

An beiden Schulen wird das Konzept der positiven Verstärkung groß geschrieben. An der Quinoa-Schule gibt es das Lobpunktesystem. Dort können die Schüler:innen Punkte für gutes Verhalten sammeln. Ein Schüler kann zum Beispiel einen Lobpunkt bekommen, wenn er mal einen Stift dabei hatte, obwohl ihm das normalerweise schwer fällt. An der Quinoa-Schule werden die Lobpunkte alle zwei Wochen ausgewertet und es gibt Preise. Das kann zum Beispiel sein: einmal ausschlafen, einmal Hausaufgaben nicht machen oder sich umsetzen. 

Das High Five im Vorbeigehen, die Diskussion über sagbare Schimpfwörter, der Satz „Mahmoud hat mich auf eine Idee gebracht": Das ist nicht nur nettes Geplänkel. Die Kinder an diesen beiden Schulen machen eine grundlegende und wichtige Erfahrung: Sie werden ernst genommen, ihre Meinungen zählen, und über die Regeln des Zusammenlebens lässt sich diskutieren. Das hebt nicht nur einerseits das Wohlbefinden der Kinder, sondern zeigt ihnen auch, dass sie mitgestalten können. Und Menschen, die sich selbst als Gestalter:innen des Lebens um sich herum sehen, sind unabdingbar für eine funktionierende Demokratie.

Umgekehrt heißt das aber auch: Wo sich ein Fünftel der Kinder in der Schule nicht wohlfühlt, an Schulen in einkommensschwacher Lage fast jedes dritte, geht mehr verloren als ein gutes Lernklima. Diesen Kindern fehlt dann auch die erste Erfahrung damit, wie sich ein demokratisches Zusammenleben anfühlt.

Diesen Texthttps://krautreporter.de/kinder-und-bildung/5886-das-passiert-wenn-eine-schule-beziehungen-uber-prufungen-stellt#lesen habe ich vor einem Jahr über die Anne-Frank-Gesamtschule für Krautreporter geschrieben. Darin beschreibe ich ausführlicher, wie die Lehrkräfte Beziehungsarbeit priorisieren – und was das für den Schulalltag bedeutet.

Autor:in

Name Autor:in

Lea Schönborn

Lea Schönborn schreibt regelmäßig Gastbeiträge für die Rubrik Aktuelles. Sie ist Journalistin und berichtet für das Onlinemagazin Krautreporter über Bildungsthemen. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Bent Freiwald schreibt sie den Newsletter "The Kids Are Alright". Sie ist der Meinung, dass der Zustand von Schulen zeigt, wie es einer Gesellschaft geht. Spoiler: nicht so gut. Sie schreibt über Bildung, weil sie glaubt, dass es nicht so bleiben muss.

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