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Deine Wohnung ist politisch.

Impulse für die Praxis • 15.04.2026
Gastautorin Agnes Scharnetzky
© Die Rederei, Benjamin Jenak

Es gab eine Zeit, da habe ich allein in einer 60qm Mietwohnung mit 2 Zimmern gewohnt. Dann war ich zu einem Gespräch mit Kindern der vierten Klasse eingeladen. Sie hatten sich in Workshops erarbeitet, was sie von ihrer Stadt erwarten, und haben das Erwachsenen in einem Speeddating-Format präsentiert. Ich saß also Auge in Auge mit der 10-jährigen Lisa und sie fragte mich direkt: „Wie wohnst du?“ Ich erzählte, ich habe eine schöne Wohnung. „Wohnst du allein?“ - Ja.- „Warum wohnst du nicht in einer WG?“- Ähm, ... - „Wir Kinder wohnen doch auch nicht allein. Wir kommen mit einem Zimmer klar.“ 

Das saß. 

Was gibt mir das Recht, so viel Platz für mich zu beanspruchen? Mir ist doch klar, Raum ist eines unserer wertvollsten Güter, gerade in Städten. 

„Warum wohnen Erwachsene alleine in einer Wohnung, wenn Kinder nur ein Zimmer haben?“ 

Lisa*, 10 Jahre (*Name geändert)

Ich denke oft an Lisa. Sie hat den Nagel auf den Kopf getroffen und ein wichtiges Problem erkannt, das in Schlagzeilen zum Thema Wohnungsnot selten auftaucht: Der Wohnraum pro Kopf wird immer größer. Wohnraum versiegelt Böden. Wenn neu gebaut wird, umso mehr. Es ist Raum, der geheizt werden muss, auch in Energiekrisen. Es ist Platz, der nicht für öffentliche, gemeinwohlorientierte Ansinnen zur Verfügung steht, von der Natur ganz zu schweigen. Nicht selten wird Platz von ein oder zwei Personen beansprucht, der Raum für Familien sein könnte. In vielen deutschen Städten ist es schwer, familiengerechte Wohnungen zu finden. Kinder gehen die Kompromisse ein, wenn sie lange mit Geschwisterkindern ein Zimmer teilen, das Bett nach oben gebaut wird, der Schreibtisch auch der Küchentisch ist. Man könnte das als Luxusproblem im urbanen Raum betrachten, dabei betrifft es viele Menschen und oft Kinder. Sie sind die, die an dieser Stelle pragmatische Ideen zur Lösung haben. Sie kennen keine Besitzstandswahrung. Spielen und Schlafen, Tag und Nacht finden ganz selbstverständlich im selben Zimmer statt. Es gibt geteilte Gemeinschaftsräume, in denen gemeinsame Regeln gelten. 

Wohnen ist ein guter Anlass für politische Gespräche mit Kindern und Jugendlichen. Hier haben sie Interessen und (formulierbare) Bedürfnisse. Hier kennen sie oft Aushandlungsprozesse. Was steht wem zu? Warum? Und ist das gerecht? Das sind ganz grundsätzliche politische Themen, die besprochen werden können. Aber auch speziellere Themen kommen auf: Besitz oder Miete? Gekauft oder geerbt? Welche Verantwortung ergibt sich daraus? Wie werden Regeln in der Wohnung, im Haus, in der Nachbarschaft verhandelt? Wer hat wie viel Platz und wofür? Gehe ich zum Spielen in den Garten oder auf einen öffentlichen Spielplatz? Wo werden Unterschiede in den Möglichkeiten und den verfügbaren Mitteln sichtbar? Nicht zuletzt: Wer macht die Arbeit in den Gemeinschaftsräumen und in meinem Zimmer? Bestimme ich, wie es bei mir aussieht, oder muss ich Standards halten, die andere – meist die Eltern – setzen? Welche anderen Wohnformen kenne ich als Kind? Auch manche Kinder wachsen in Wohngemeinschaften auf. Mehrgenerationenhäuser gibt es aus Tradition mit Großeltern oder als gesellschaftliche Initiative, weil Aufgaben zwischen den Generationen nicht zwangsläufig in Familien organisiert werden müssen. Die Spannbreite ist unglaublich weit und lädt ein, darüber zu sprechen, was politisch ist, was von Politik geregelt wird oder in der Verantwortung von politischen Akteur:innen liegt. Gleichzeitig zeigt es die politische Dimension privater Entscheidungen. 

Es lohnt sich, Kinder ihre Ideen und Vorstellungen zu Wohnräumen gestalten zu lassen und daraus zu lernen, sie aber auch in ihrer Vielfalt zu betrachten.

Die Aushandlungsprozesse in der Gruppe aber auch der Gesellschaft lassen sich gut illustrieren. In der JoDDiD gibt es den Politischen Rechenschieberhttps://tu-dresden.de/gsw/phil/powi/joddid/shop/shop/ausleihen/rechenschieber – er macht haptisch zugänglich, dass Menschen bei derselben Frage zu unterschiedlichen Positionen kommen – mit jeweils guten Argumenten. Zwischen den Polen können Murmeln verschoben werden, je nachdem, wo der Schwerpunkt gelegt wird. Mögliche Pole zum Thema Wohnen: „Mein Zimmer ist meine Sache. - Mein Zimmer ist Teil unserer Wohnung.“ – „Ich brauche mehr Platz. - Ich nutze meinen Platz nicht.“ – „Ich würde gern mit mehr Menschen die Wohnung teilen. - Ich würde gern mit weniger Menschen die Wohnung teilen.“ – „Wer sich eine große Wohnung leisten kann, hat sie verdient. - Es ist besser, wenn alle mit Wohnraum sparsam umgehen.“ Der Phantasie sind beim JoDDiD-Rechenschieber keine Grenzen gesetzt. 

Und ich? In meinem Haushalt hat sich die pro Kopf qm Zahl reduziert, weil sich Lebensumstände geändert haben. Aber ich wohne immer noch sehr privilegiert.

Autor:in

Name Autor:in

Agnes Scharnetzky

Agnes ist Mitarbeiterin in der John-Dewey-Forschungsstelle für die Didaktik der Demokratie, kurz JoDDiD, in Dresden. Sie lacht viel, denn die Erfahrung ist, dass das die Dinge leichter, die Menschen offener und die Konflikte kleiner macht. 

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