Nicht die Zukunft, sondern die Gegenwart – Was eine Rutsche auf dem Pausenhof über Beteiligung zeigt
Vor Kurzem begleitete ich eine Gemeinschaftsschule mit integrierter Grundschule dabei, die Beteiligungsplattform „aulahttps://www.aula.de/“ der Schulgemeinschaft vorzustellen. Nach einer Einführung in die Plattform mit ihren Räumen und Funktionen folgte das Gedankenexperiment: Wie wäre es, wenn aula an unserer Schule schon eingeführt wäre und wir dort Ideen posten könnten, die Schule und Schulalltag verbessern? Ideen kamen sofort und zahlreich. Eine davon war eine Rutsche auf dem Pausenhof. Anhand der Rutsche wurde dann der weitere Prozess erklärt. Zuerst braucht eine Idee genug Zustimmung. Das spielten die Kinder nach, indem alle den Arm hoben. Danach muss diese Idee ausgearbeitet werden. An dieser Stelle war die Skepsis im Vorfeld am größten gewesen: Ist der aula-Prozess für Grundschüler:innen nicht zu kompliziert?
Was ist "aula"?
"aula" ist ein Beteiligungskonzept, das Projektideen von Schüler:innen unterstützen möchte. Auf der digitalen Beteiligungsplattform können junge Menschen Ideen posten, über Ideen diskutieren und sie ausarbeiten, über Ideen abstimmen. In regelmäßigen Abständen im Schulalltag wird über die neuesten Ideen, aktuelle Abstimmungen oder Verbesserungspotenziale gesprochen. Mehr Infos: aula – Zukunft gemeinsam gestaltenhttps://www.aula.de/was-ist-aula/
Dann zeigten die Erst- und Zweitklässler:innen, was sie sind: Expert:innen auf bestimmten Gebieten. Auf die Frage, was man bei einer Rutsche alles bedenken müsse, gingen unzählige Hände hoch. Wellenrutsche oder gerade? Überdacht oder nicht? Wie steil? Teil eines Klettergerüstes oder freistehend? Welcher Bodenbelag? Einige Minuten lang erklärten sie, worauf bei Planung und Bau zu achten ist. Zum Schluss meldete sich eine Schülerin und sagte, am Ende müsse der TÜV kommen und prüfen, ob alles sicher ist.
Diese Szene legte etwas offen, das sich nicht auf aula beschränkte: Fähigkeiten, Stärken und Perspektiven junger Menschen sind da. Sie werden aber selten abgefragt und noch seltener gesellschaftlich oder politisch genutzt. Wo offene, gleichberechtigte, transparente Räume für Ideen entstehen, werden diese Potenziale sichtbar und nutzbar, und zwar nicht nur für die Schulgemeinschaft.
Hier greift der Begriff des . Er bezeichnet das Machtgefälle zwischen Erwachsenen und jungen Menschen und die Annahme, Erwachsene wüssten grundsätzlich besser, was Kinder verstehen, brauchen und können.
Mehr Impulse zum Thema Adultismus findest du in diesem Beitrag: Adultismus & Demokratiebildung - den Spagat zwischen Verantwortung und Macht meisternhttps://www.reflexionstool-demokratiebildung.de/aktuelles/adultismus-demokratiebildung-den-spagat-zwischen-verantwortung-und-macht-meistern
Die Zweifel im Vorfeld waren nicht böse gemeint, sie folgten aber genau diesem Muster: Erwachsene legen vorab fest, was zumutbar ist. Die Kinder haben diese Annahme in wenigen Minuten widerlegt. Wer jungen Menschen Kompetenz erst zuspricht, wenn sie bewiesen ist, kehrt die Beweislast um. Sinnvoller wäre es, Möglichkeiten zu schaffen und zu beobachten, was passiert.
Dafür braucht es einen Beteiligungsprozess, der über einen längeren Zeitraum trägt. Und das gelingt nur mit Strukturen, Zeit und Erwachsenen, die bereit sind, Ideen ernst zu nehmen, auch wenn sie unbequem sind. Wird mitgeredet, aber nie mitentschieden, entsteht Scheinbeteiligung, die mehr schadet als nützt. Die Erfahrung legt dennoch einen einfachen Schluss nahe: Wer junge Menschen an die Tische holt, an denen Dinge besprochen werden, die auch sie betreffen, nutzt eine wertvolle Ressource, die längst vorhanden ist.
Damit würde man auch dem verbreiteten Satz „Kinder sind die Zukunft“ etwas entgegensetzen. Er klingt wohlwollend, folgt aber einer adultistischen Logik: Kinder und Jugendliche bekommen Bedeutung und Wert erst später zugesprochen, als künftige Erwachsene, und nicht schon jetzt. Junge Menschen sind nicht dasselbe wie Erwachsene, das stimmt. Sie sollten aber als gleichberechtigte Mitmenschen gelten. Wer sie daher ernst nimmt und wertschätzt, sieht in ihnen nicht die Zukunft, sondern bereits einen bedeutenden Teil der Gesellschaft von heute.