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Mehr als ein Wahlergebnis: Was die Wahlentscheidung junger Menschen uns sagt

Interviews & Perspektiven • 09.09.2026
DKJS Andi Weiland
© DKJS/Andi Weiland

Die Ergebnisse der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sind besorgniserregend. Auch viele junge Menschen haben die AfD gewählt. Gleichzeitig wäre es zu einfach, daraus einen „Rechtsruck der Jugend“ abzuleiten. Die Zustimmung zur AfD ist kein Phänomen einer einzelnen Generation. Sie findet sich in unterschiedlichen Altersgruppen und gesellschaftlichen Milieus. Wer die Ursachen dieser Entwicklung vor allem bei jungen Menschen sucht, greift deshalb zu kurz. 

Schon die Frage, was „die Jugend“ gewählt hat, führt in die Irre. Junge Menschen sind keine homogene Gruppe. Ihre Lebensrealitäten, Erfahrungen und Perspektiven unterscheiden sich ebenso stark wie die der Gesamtgesellschaft. Darauf weisen Jugendforschung und aktuelle Debatten seit Jahren hin. Gleichzeitig lohnt sich ein genauer Blick auf das politische Verhalten junger Menschen. Junge Wähler:innen haben in der Regel geringere Parteibindungen als ältere Generationen. Sie entscheiden sich häufiger kurzfristig, wechseln eher zwischen Parteien und orientieren sich stärker an aktuellen Themen und ihrer Einschätzung, wer Probleme lösen kann. 

Die Ergebnisse der U18-Wahl in Sachsen-Anhalthttps://www.kjr-lsa.de/ergebnisse-u18-ltw-lsa-2026/ machen diese Vielfalt sichtbar. Die Mehrheit der teilnehmenden jungen Menschen hat demokratische Parteien gewählt. Gleichzeitig deuten die Ergebnisse darauf hin, dass viele junge Menschen den bisher regierenden Parteien zunehmend weniger zutrauen, die Zukunft des Landes jugendgerecht zu gestalten. 

Dass viele junge Menschen die AfD gewählt haben, sollte uns beschäftigen. Eine einfache Antwort dafür gibt es jedoch nicht. Wer die Wahlentscheidung junger Menschen verstehen will, muss deshalb auch auf die Bedingungen schauen, unter denen sie aufwachsen. Politische Einstellungen entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie werden geprägt durch Erfahrungen von Teilhabe, Zugehörigkeit, Anerkennung und Selbstwirksamkeit. Gleichzeitig sollten wir vorsichtig sein, die Zustimmung zur AfD ausschließlich als Protest oder Ausdruck von Frustration zu interpretieren. Die AfD ist für einen Teil ihrer Wähler:innen längst mehr als eine Protestpartei.  Auch unter jungen Menschen wird sie teilweise bewusst wegen ihrer politischen Positionen gewählt.https://www.zeit.de/campus/2026-09/marcel-lewandowsky-landtagswahl-sachsen-anhalt-ergebnisse-alterDas macht die Wahlergebnisse nicht einfacher erklärbar, verdeutlicht aber, dass es nicht reicht, allein auf gesellschaftliche Unzufriedenheit zu schauen.

Dass sich ein Teil junger Menschen von etablierten Parteien abwendet, ist angesichts der vorliegenden Befunde nachvollziehbar. Geringe Parteibindungen, Zweifel an politischer Gestaltungskraft und das Gefühl, mit den eigenen Anliegen nicht ausreichend wahrgenommen zu werden, finden sich in verschiedenen Studien und Beteiligungsprozessen wieder. In der VoiceUp!-Jugendstudiehttps://voiceup-dkjs.de/ergebnisse/voiceup-jugendstudie/ der DKJS stimmen 52 Prozent der Befragten der Aussage zu: „Leute wie ich haben sowieso keinen Einfluss auf die unseres Landes.“

Weniger eindeutig ist, warum sich manche von ihnen gerade der AfD zuwenden. Wahlentscheidungen entstehen aus unterschiedlichen Motiven. Dazu können Protest, das Bedürfnis nach Veränderung, das Gefühl mangelnder politischer Repräsentation und oder die Suche nach Orientierung in unsicheren Zeiten gehören. Welcher Faktor im Einzelfall ausschlaggebend ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. 

Gleichzeitig sehen wir Faktoren, die zu dieser Entwicklung beitragen können. Viele junge Menschen erleben eine Zeit, die von Krisen, Unsicherheit und gesellschaftlichen Konflikten geprägt ist. Zukunftssorgen, Zweifel an den eigenen Aufstiegschancen und die Wahrnehmung gesellschaftlicher Polarisierung spielen dabei eine Rolle. Vielen fehlt es an Zuversicht und positiven Zukunftsbildern. Solche Erfahrungen können die Anschlussfähigkeit politischer Angebote erhöhen, die einfache Erklärungen und klare Antworten versprechen. Analysen verweisen zudem auf die hohe Sichtbarkeit der AfD in sozialen Medien, die zunehmende Normalisierung rechter Positionen und die Attraktivität vermeintlich einfacher Antworten auf komplexe Probleme. 

Unsere VoiceUp!-Jugendstudiehttps://voiceup-dkjs.de/ergebnisse/voiceup-jugendstudie/ liefert weitere Hinweise auf die Lebensrealitäten junger Menschen. 78 Prozent der Befragten sagen, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt wichtig ist, um positiv in die Zukunft zu blicken. Gleichzeitig erleben ihn nur 43 Prozent. Rund ein Drittel fühlt sich nicht richtig zur Gesellschaft zugehörig. Viele junge Menschen wünschen sich mehr Austausch auf Augenhöhe und stärkere Mitsprache. 

Diese Ergebnisse erklären Wahlentscheidungen nicht. Sie helfen aber zu verstehen, in welchem gesellschaftlichen Kontext junge Menschen politische Entscheidungen treffen.

Häufig richtet sich die Aufmerksamkeit dabei besonders auf junge Männer. Die Unterschiede zwischen jungen Frauen und jungen Männern verdienen Aufmerksamkeit. Gleichzeitig sollte daraus keine neue Problemgruppe konstruiert werden. Die AfD ist keine Partei junger Männer, wie bspw. die aktuelle Analyse von Reto Mittereggerhttps://thinktank-rechtsextremismus.campact.de/wp-content/uploads/sites/13/2026/07/26-07-13_TTrex_Paper_junge_Maenner_final.pdfzeigt. Ihre Zustimmung reicht weit über einzelne Altersgruppen hinaus und verweist auf breitere gesellschaftliche Entwicklungen.

Welche Rolle spielen die Bedingungen des Aufwachsens?

Wahlergebnisse fallen nicht vom Himmel. Sie entstehen auch aus den Erfahrungen, die junge Menschen in Familie, Schule, Ausbildung, Freizeit und Gesellschaft machen. Die Bedingungen des Aufwachsens sind deshalb auch demokratiepolitisch relevant. Das zeigt auch unsere Metaanalyse „Beteiligung als soziale Frage“.https://www.dkjs.de/aufwachsen-unter-druck-warum-beteiligung-zur-sozialen-frage-wird/ Ob sie sich zugehörig fühlen, mitentscheiden können und erleben, dass ihre Perspektiven zählen, prägt auch ihr Verhältnis zu Demokratie und Gesellschaft.

Als Bildungsstiftung wissen wir: Demokratie entsteht nicht erst am Wahltag. Sie wächst dort, wo Kinder und Jugendliche Verantwortung übernehmen, unterschiedliche Perspektiven kennenlernen und die Erfahrung machen, dass etwas bewirken kann.

Deshalb braucht es nicht nur politische Antworten auf Wahlergebnisse. Es braucht verlässliche Investitionen in Bildung, und gute Bedingungen des Aufwachsens. Schulen, Jugendtreffs, Vereine, Jugendverbände und außerschulische Lernorte sind nicht nur Bildungsorte. Sie sind Orte demokratischer Erfahrung und gesellschaftlicher Teilhabe. 

Gerade in Sachsen-Anhalt leisten viele zivilgesellschaftliche Akteur:innen hierfür wichtige Arbeit. Wer Demokratie stärken will, muss auch die Orte stärken, an denen junge Menschen Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Selbstwirksamkeit erfahren können. Eine starke Demokratie braucht eine starke Zivilgesellschaft. 

Die Wahlergebnisse aus Sachsen-Anhalt sind deshalb kein Urteil über die Jugend.

Sie sind Anlass, genauer hinzuschauen: auf die Lebensrealitäten junger Menschen, auf ihr Vertrauen in politische Gestaltungskraft und auf die Frage, warum demokratische Parteien viele junge Menschen derzeit nicht ausreichend erreichen.

Die Antwort auf die aktuellen Herausforderungen liegt nicht in pauschalen Zuschreibungen über „die Jugend“. Sie liegt darin, junge Menschen ernst zu nehmen, ihre zu stärken und die Bedingungen zu schaffen, unter denen sie Gesellschaft und Demokratie mitgestalten können. Denn demokratische Einstellungen entstehen nicht erst am Wahltag, sondern im Alltag des Aufwachsens.

Tipp der Redaktion

Wie Lehr- und Fachkräfte mit jungen Menschen über Wahlen und Wahlergebnisse gut ins Gespräch kommen können:

Quellen und weiterführende Literatur:

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Kathrin Fehse

Kathrin Fehse ist Programmleitung des Kooperationsverbundes. Sie mag klare Prozesse & Urlaube auf Sizilien.

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